Geschichte des Festungsbaus:

Österreich-Ungarische
Panzerfestungen
zu Beginn des Ersten Weltkriegs

Festungen der K.u.k.-Monarchie
Österreich-Ungarn
in Norditalien.

Kaiser Franz Josef von Österreich

Kaiser Franz Joseph I.
Kaiser von Österreich-Ungarn
1830-1916

Die Entwicklung der Panzerfestungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts

Gegen Ende des 19. Jahrhundert beeinflussten zwei Entwicklung maßgeblich den Festungsbau. Sie führten einerseits dazu, dass in Frankreich und Deutschland innerhalb weniger Jahrzehnte eine Vielzahl neuer Festungen errichtet wurden und andererseits zwangen sie die Festungsbauingenieure in ganz Europe zur Veränderung traditioneller Konzepte zur Errichtung moderner Festungen. Die Folgen dieser Entwicklung reichen bis zum Ersten Weltkrieg und die seinerzeit errichteten Festungen schrieben nicht zuletzt bei der Schlacht um Verdun traurige Geschichte.

Brisanzgranaten und Festungsbau

Das war ein gewaltiger Schock für die Militärs in Europa im Allgemeinen und den Festungsbauingenieuren im Speziellen:

Bereits 1840 entwickelte der Schwede Martin von Wahrendorff den Hinterlader und kurz darauf Geschütze mit gezogenem Lauf, was der Artillerie auf den Schlachtfeldern zu einem Bedeutungssprung verhalf. Das hatte natürlich auch Einfluss auf den Festungsbau, erschütterte ihn aber nicht.

Dann - 1880 - kamen Brisanzgranaten auf den Markt - Sprenggeschosse, die mit TNT und ähnlich explosivem Material gefüllt waren, und eine enorme Zerstörungskraft hatten. Eine Wucht, der bisherige Festungen - selbst wenn sie kurz zuvor errichtet wurden - nichts entgegenzusetzen hatten. Mittels dieser Sprenggeschosse konnte man sie innerhalb kurzer Zeit in Schutt und Asche legen. Alle Festungen - ob just errichtet oder schon seit Jahren kampfeserprobt - galten auf einen Schlag als veraltet. Siehe: Brisanzgranatenkrise [interner Link].

Welche enorme Wucht diese Brisanzgranaten haben, wurden Jahre später, 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs in einer umfangreichen Denkschrift über die Beschießung der Festungen Lüttich, Namur und Antwerpen ausführlich dokumentiert. Damals kam die Dicke Berta zum Einsatz; sie basierte letztlich aber auf den Wahrendorff'schen Erfindungen und man setzte Sprenggranaten ein - also Brisanzgranaten.

Aber zurück ins 19. Jahrhundert: Nach 1880 war allen Festungsbauingenieuren klar, dass neue Konzepte zu erarbeiten sind. Die Deutschen entwickelten zu jener Zeit einen gänzlich neuen Festungstyp, die Feste. Letztlich ist sie eine Weiterentwicklungen vorhandener Konzepte (neudeutsche Festungsmanier) in Kombination mit neuen Baumaterialien und neuen Waffen. Und viel Stahl - zum Schutz empfindlicher Elemente.

Nachfolgend ein etwas ausführlicherer Blick auf die Panzerfortifikationen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurden:



Österreich-ungarische Panzerfestungen in Tirol

Anfang des 20. Jahrhunderts: Offiziell waren Österreich-Ungarn und Italien miteinander verbündet. Sie bildeten zusammen mit dem deutschen Kaiserreich den Dreierbund. Doch die Donaumonarchie traute seinem Nachbarn nicht. Der Anlass: Wien beanspruchte weite Landstriche die eigentlich italienisch waren. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten sogar noch die Lombardei, Südtirol, Trentino und große Teile Venetiens zu Österreich. Die Lombardei wiederum musste man 1859 an Italien abtreten, was das Misstrauen seitens der k.u.k.-Monarchie weiter steigerte. Später folgte Venetien. Wien blieb also Südtirol und die Gebiete um Trient.

Kriegsschauplatz Tirol

Quelle: Die Kämpfe in den Felsen der Tofana, Autor: Guido Burtscher, Verlag: J.N. Teutsch, 1935 (Seite 16a)

Um sein geschrumpftes Einflussgebiet militärisch sicher zu können, begann Österreich-Ungarn ab 1860 seine südliche Staatsgrenze durch etliche Festungen und Pass-Sperren zu sichern. In den 1870er-Jahren entstanden beispielsweise zwischen dem Gardasee und der Schweizer Grenze etliche neue Festungswerke. Sie bestanden meist aus einem mächtigen, mehrere Geschosse aufragenden Block aus Natursteinmauerwerk, in dem die Geschütze hinter Mauerscharten standen.

Gegen Ende des Jahrhunderts weitere man die Bautätigkeiten aus. Jetzt stand die Region nordwestlich vom Gardasee im Fokus. Dabei griff Österreich-Ungarn moderne Festungspläne des Deutschen Kaiserreichs auf und passte sie den örtlichen Gegebenheiten des Hochgebirges an. Es entstanden moderne Panzerfestungen - die Sperrgruppe Lavarone-Folgaria südöstlich von Trient ist ein gutes Beispiel dafür. Und auch ihre Bewaffnung war auf der Höhe der Zeit: Viele Werke wurden mit modernen Panzertürmen und 10-cm-Turmhaubitzen ausgestattet; es gab gepanzerte Maschinengewehrtürme und Beobachter.

Die letzten dieser Werke wurden erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts fertiggestellt – kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

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Historische Bilder der Festungswerke Österreich-Ungarns im Rayon Tirol

Information zur Quelle: Wien - Österreichische Nationalbibliothek - Austrian National Library, Austria - Public Domain.
Jedes Bild ist mit dem Original verlinkt. Ansonsten: www.europeana.eu.

    • Werk Verle
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    • Werk Gschwent
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    • Fort Hensel
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    • Sperre Raibler See
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    • Fort Hermann
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    • Werk Sommo
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Österreich-ungarischen Panzerfestungen im Ersten Weltkrieg am Beispiel der Sperrgruppe Lavarone-Folgaria nahe Trient

Die Sperrgruppe Lavarone-Folgaria befindet sich südöstlich von Trient nahe der damaligen Grenze zwischen Österreich-Ungarn und Italien. Sie galt damals als strategisch bedeutend und wurde von italienischen Truppen direkt zu Beginn des Alpenkrieges 1915 - 1918 angegriffen. Dabei kamen auf beiden Seiten schwerste Artillerie zum Einsatz. Beide Seiten schenkten sich dabei nichts, obwohl die Kämpfe im Gebirge ausgetragen wurden. Und beide Seiten verließen sich dabei auch auf ihre modernen Festungen, die hüben wie drüben der damaligen Grenze, die Trentino und das italienische Venetien voneinander trennte. Selbstredend führte das zu schweren Zerstörungen auf beiden Seiten. Doch die Panzerfestungen Österreich-Ungarns waren moderner und widerstandsfähiger gebaut, sodass zwar auch sie heftige Schläge einstecken mussten, man aber nicht an eine Aufgabe der Festungen denken musste (wie es auf italienischer Seite geschah).

Das Konzept moderner Panzerfestungen wurde gegen Ende des 19. Jahrhundert vom Deutschen Kaiserreich entwickelt. Einem ersten Prototypen bei Thorn (heute Toruń in Polen) folgte die Feste Kaiser Wilhelm II. nahe Straßburg und weitere rund um Metz und Thionville im damals zu Deutschland gehörenden Elsass-Lothringen (siehe: Panzerfestungen des Deutschen Kaiserreichs).

Deutsche und österreich-ungarische Panzerfestungen im Vergleich

Österreich-Ungarn übernahm die Ideen und passte sie seinen Erfordernissen an. Es galt immerhin, moderne Festungen nicht in der Ebene, sondern im (Hoch-) Gebirge zu errichten. Wissen sollte man in dem Zusammenhang, dass moderne Panzerfestungen eigentlich Artilleriefestungen sind - ausgerichtet auf den Fernkampf. Die Bedürfnisse der Infanterie spielten bei der Planung eine nachgelagerte Rolle - ihr kam "lediglich" die Aufgabe zu, eine angemessene Nahverteidigung sicherzustellen. Dafür wiederum wurde sie gut ausgestattet und verfügte über gepanzerte MG-Türme, 6-cm- und 8-cm-Kanonen. Hauptbewaffnung österreich-ungarischer Panzerfestungen waren allerdings die schwereren 10-cm-Turmhaubitzen - eingebaut in schwere Panzertürme aus Stahl.

Unterscheid I: Abstände zwischen den Werken bei aufgelöster Bauform

Darüber hinaus übernahm man auch das Konzept der "aufgelösten Bauform". Das meint, dass die Festung nicht als kompaktes Einheitsfort errichtet wurde, sondern man die einzelnen Funktionsbereiche voneinander trennt und unabhängig voneinander im Gelände verteilte, sie allesamt mit einem schwer gesicherten Graben umgab, der von der bereits erwähnten Infanterie im Fall eines direkten Angriffs zu verteidigen war.

Deutsche Festungen jener Zeit hatten wegen dieser aufgelösten Bauform einen riesigen Platzbedarf, weil die Abstände zwischen den einzelnen Infanterie- und Artilleriekasematten recht großzügig waren. Das hatte Vorteile beim Artilleriekampf, weil ein Treffer überschaubarere Schäden anrichten konnte.

Diese Flächen hatten die Österreicher bei Bau ihrer Gebirgsfestungen nicht zur Verfügung. Hier standen die einzelnen Werke recht nah beieinander. So wurden die Werke Verle und Lusern beispielsweise deutlich kompakter errichtet als die etwas später gebauten Werke Gschwent und Serrada, die größere Abstände zwischen den einzelnen Blöcken aufwiesen und so die Trefferlage verringerten.

Unterschied II: Beton oder Stahlbeton - keine unwesentliche Entscheidung

Bei modernen Panzerfestungen jener Zeit verwendete man Beton als Baumarerial - zuvor wurden die Festungen aus Bruchsteinen oder Ziegeln gemauert, die nicht sehr stabil waren.

Der Beton wurde dabei mit Stahl bewährt (heißt verstärkt), was seine Widerstandsfähigkeit deutlich erhöhte. Bei derart errichteten Festungen konnten schwere Geschosse nicht so leicht die Decken durchbrechen und im Inneren erheblichen Schaden anrichten. Entscheidend dabei war, wie dicke die Decken waren (das konnten durchaus mehrere Meter sein) und wie sehr man sie mit Stahl verstärkte.

Österreich-Ungarische Festungen hatten war grundsätzlich auch Betondecken, allerdings mal mit weniger, mal mit mehr (und damit ausreichend) Stahl bewährt. Das Werk Gschwent hatte beispielsweise 2,5 Meter dicke Betondecken, die gut mit Stahl verstärkt wurden und die man zusätzlich alle 50 Zentimeter mit I-Stahlträgern stützte, um im Fall eines Treffers die Energie besser ableiten zu können. Im Gegensatz dazu hatte das Werk Lusern nur stellenweise ein Eisenbewehrung und einzelne Blöcke gar solche Verstärkung.

Unterschied III: Wie tief waren die einzelnen Blöcke in die Erde eingegraben?

Die Festungsbauingenieure waren bei Bau moderner Panzerfestungen grundsätzlich bestrebt, die einzelnen Blöcke möglichst flach zu halten bzw. tief in die Erde einzugraben, so dass man sie aus der Ferner kaum orten konnte. Letztlich war das ein guter Schutz beim Artilleriefernkampf. Blöcke, die der Feind nicht sah, konnte er auch nicht direkt bekämpfen. Das ging so natürlich nicht im Gebirge beim Bau der Werke der Sperre Lavarone-Folgaria. Der felsige Untergrund ließ das nicht zu. Also waren die einzelnen (im Regelfall mehrgeschossigen) Bauten zwar gedrungen, aber noch immer recht hoch aufragend - somit gute Ziele für die italienische Artillerie.

Unterschied IV: Panzertürme mit Turmhaubitzen als Hauptbewaffnung

Panzerfestungen waren Artilleriefestungen und auf den Fernkampf ausgerichtet. Deutsche Panzerfestungen verfügten über zwei verschiedene Geschütztypen - Panzertürme mit 15-cm-Turmhaubitzen oder Panzertürme mit 10-cm-Kanonen. Bei den Haubitzen verfügten sie also über einen Geschütztyp, der sowohl Ziele direkt (mittels Flachfeuer) oder indirekt (mittels Steilfeuer) bekämpfen konnte. Und sie verfügten über Flachfeuergeschütze, die hauptsächlich für direktes Feuer auf Ziele konstruiert waren, zu denen Sichtkontakt bestand.

kuk-Turmhaubitze - M.6

Quelle: Mitteilungen über Gegenstände des Artillerie- und Geniewesens, Jg. 1909, Nr. 56, k.u.k. Technischen Militärkomitee, Wien

Österreich-Ungarn bewaffnete seine Panzerfestungen (der Sperrgruppe Lavarone-Folgaria) ausschließlich mit 10-cm-Turmhaubitzen - sie wurden hergestellt von Škoda in Pilsen. Die Festungen verfügten im Regelfall über vier solcher Panzertürme. Diese Haubitzen konnten Schrapnellgranaten M9 als auch mit Sprenggranaten M11 mit einer maximalen Reichweite von 7,3 Kilometern verschießen. Ihre Feuerrate lag bei höchstens zehn Schuss pro Minute.

Problematisch war die Reichweite der Haubitzen, weil sie nicht bei allen Werken ausreichte, um das Feuer der mit 15-cm-Langrohrgeschützen ausgestatteten italienischen Panzerwerke Forte Mont Verena oder Forte Campolongo zu erwidern. Die Panzerkuppeln, die die Turmhaubitzen schützten, waren so stabil, dass sie nicht einmal von italienischen 30,5-cm-Küstenmörsern durchschlagen werden konnten. Schwachpunkt waren jedoch die Vorpanzer. Wiederholt wurden die Vorpanzer durchschlagen, was dazu führte, dass die Panzerkuppel durch die Wucht der Explosion herausgeschleudert werden konnte, oder die Geschützbrunnen (Halterung) wurde freigeschossen, was zum Kippen der Geschütztürme führte.

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Werk Sebastiano
Werk Sebastiano

Quelle der Ursprungszeichnung: Sonderdruck aus den "Militärwissenschaftlichen Mitteilungen" - Ergänzungsheft 10 zm Werke "Österreich-Ungarns letzter Krieg" - Die Reichsbefestigungen Österreich-Ungarns zur Zeit Conrad von Hötzendorf - Wien - 1937

Werk Serrada
Werk Serrada

Quelle der Ursprungszeichnung: Sonderdruck aus den "Militärwissenschaftlichen Mitteilungen" - Ergänzungsheft 10 zm Werke "Österreich-Ungarns letzter Krieg" - Die Reichsbefestigungen Österreich-Ungarns zur Zeit Conrad von Hötzendorf - Wien - 1937

Feste Kronprinz (Deutschland)
Feste Kronprinz - Panzerfestung des deutschen Kaiserreichs bei Metz

Zum Vergleich: Lageplan der deutschen Panzerfestung Kronprinz bei Metz. Das Festungsareal ist deutlich weitläufiger als das einer österreich-ungarischen Festung, was einen höheren Schutz bot. Weitere Informationen: Feste Kronprinz.

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