Hintergrund: Italienische Panzerfestungen in Venetien

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts gehörten weite Teile Norditaliens noch zu Österreich-Ungarn. Einst waren es die Lombardei, Südtirol und das Trentino. Im Zuge der Kriege, die schließlich zur Gründung des Königreichs Italien führten, mussten die Habsburger in Wien bereits die Lombardei an den erstarkten südlichen Nachbarn abgeben. Um die verbliebenen Gebietsansprüche für die Kuk-Monarchie zu sichern, begann Österreich daher in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entlang der damaligen Staatsgrenze (also in Südtirol - entlang der heutigen Grenze zu Venetien) mittels neu errichteter Festungen wichtige Verkehrswege und Alpenpässe militärisch zu sichern. Da sich just in diesen Jahrzehnten der Festungsbau grundlegend veränderte, musste Österreich immer modernere Werke errichten.

Quelle: Die italienische Armee, fünfte, veränderte Auflage, Verlag von L.W. Seidel & Sohn, Wien 1015 (Seite 73)

Quelle: Die italienische Armee, fünfte, veränderte Auflage, Verlag von L.W. Seidel & Sohn, Wien 1015 (Seite 73)

Zuletzt sicherte man die Grenze mit modernen Panzerfestungen. Das waren schwer bewaffnete Artilleriefestungen. Sie wurden aus dem damals noch neuen Baustoff Beton errichtet, den man mit Stahl armierte, um den Bauten eine höhere Stabilität zu geben. Und man schützte die Festungsartillerie mit modernen Panzertürmen aus Stahl. Kurzum: Entlang der damaligen Grenze zu Italien entstanden auf österreich-ungarischer Seite etliche Festungen, die die Italiener natürlich als Bedrohung wahrnehmen mussten.

Natürlich konnte das damals noch junge Königreich Italien diesem Aufrüsten des nördlichen Nachbarn nicht zusehen. Dies insbesondere, weil man selbst Gebietsansprüche in Richtung Norden erhob (Südtirol, Trentino). Also begann auch Italien seine Grenze zu Österreich-Ungarn, die sich entlang der heutigen Grenze von Venetien schlängelte, militärisch zu sichern. Auch Italien begann moderne Panzerfestungen zu errichten, deren Baupläne sich von denen Österreich-Ungarn gar nicht so sehr unterschieden. Es waren ebenfalls aus Beton hochgezogene Werke, die man mit schwerer Artillerie bestückte, die wiederum durch moderne Panzertürme geschützt wurde.

Das Paradoxe an dieser Situation war, dass Österreich-Ungarn, Italien und Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts (eigentlich) miteinander im sog. Dreierbund verbunden waren. Das gegenseitige Misstrauen war jedoch offenkundig. Gleichwohl kam der Kriegseintritt Italiens im Mai 1915 auf der Seite der Entente für Deutschland als auch Österreich-Ungarn überraschend und brachte beide Kriegsparteien in Bedrängnis. Denn dadurch entstand eine dritte Front - die sogenannte Alpenfront.

Forte Campolongo - italienische Panzerfestung während des Ersten Weltkriegs in Venetien

Quelle: Die italienische Armee, fünfte, veränderte Auflage, Verlag von L.W. Seidel & Sohn, Wien 1015 (Seite 76)

Quelle: Die italienische Armee, fünfte, veränderte Auflage, Verlag von L.W. Seidel & Sohn, Wien 1015 (Seite 76)

Das Forte Campolongo war eine italienische Panzerfestung, die Anfang des letzten Jahrhunderts kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs vom Königreich Italien in Venetien errichtet wurde. Baubeginn war 1912. Man errichtete die Festung auf der Kuppe des Cima di Campolongo und sie hatte die Aufgabe, mit seiner schweren Artillerie das nahe gelegene Val d'Astico und damit wichtige Verkehrswege, die Trient (Südtirol, also Österreich-Ungarn) mit Städten in Venetien vernetzte, zu schützen. Gegenstück des Forte Campolongo war auf österreich-ungarischer Seite die Sperre Folgaria-Lavarone, die u.a. aus den schwer bewaffneten Artilleriewerken Geschwent, Lusern und Verle bestand.

Das Fort selbst war eine zweigeschossige Anlage, die neben Maschinengewehren und eher kleinkalibrigen Kanonen (beides zur Nahverteidigung) auch über vier 149-cm-Kanonen, die man mit Panzertürmen anfänglich der Firma Armstrong, Mitchel & Co. und später mit moderneren Panzerkuppeln der französischen Firma Schneider-Creuzot schützte. Sie wurden in Lizenz vom italienischen Rüstungsbauer Ansaldo (Genua) gefertigt. Die 149-cm-Kanonen waren die Hauptbewaffnung des Forte Campolongo. Zur Verstärkung umgab man die Festung außerdem mit weiteren Batterien, die an den Flanken positioniert wurden. Schwachpunkt der Festung war jedoch, dass man aus Kosten- und Zeitgründen das Hauptwerk zwar aus Beton errichtete, diesen aber nicht mit Stahl verstärkte. Schwerer Artilleriebeschuss seitens der Österreicher fügten daher der Festung direkt auch schwere Schäden zu.

Als Italien am 24. Mai 1915 auf der Seite der Entente in den Ersten Weltkrieg eintrat, begannen die Italiener direkt, die auf österreich-ungarischen Festungen in Südtirol unter Feuer zu nehmen. Dem Forte Campolongo kam dabei die Aufgabe zu, dass gegenüberliegende Panzerwerk Lusern zu bekämpfen. Österreich-Ungarn reagierte natürlich darauf. Anfang erwiderten sie den Beschuss mit eigener Festungsartillerie. Später führten sie zusätzlich ihre schweren 30,5-cm-Mörser heran. Dem Beschuss mit solch überschwerem Kaliber waren die italienischen Panzerfestungen allerdings nicht gewachsen. Spätestens jetzt zeigten sich ihre baulichen Schwächen, weil man Wände und Decken nicht verstärkte. Das Forte Campolongo unterlag dem schweren Angriff und wurde von den Italienern bereits am 12. Juni 1915 als zerstört eingestuft. Sie bauten die verbliebene, nicht in Mitleidenschaft gezogene Bewaffnung aus und verlagerten sie an andere Kriegsschauplätze.

Verdeck des eroberten Werks Campolongo. von K.u.k. Kriegspressequartier, Lichtbildstelle - Wien - Österreichische Nationalbibliothek - Austrian National Library, Austria - Public Domain.
Link zur Quelle: https://www.europeana.eu/de/item/9200291/bildarchivaustria_at_Preview_15576516

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