Geschichtlicher Hintergrund deutscher Festungen in Posen, West- und Ostpreußen

Karte: Festungen in Ost-Europa - anno 1900 | Deutschland - Österreich-Ungarn - Russland

Europa anno 1900: Deutschland / Österreich-Ungarn / Russland

Das Deutsche Kaiserreich wie wir es heute aus den Geschichtsbüchern kennen wurde am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles ausgerufen. Die deutsche Verfassung trat bereits zu Jahresbeginn in Kraft. Damit entstand erstmals in der Geschichte ein deutscher Nationalstaat. Er bestand aus dem Königreich Preußen, 24 weiteren Bundesstaaten. Nach Ende des Deutsch-französischen Krieges 1870/71 kam auch das Reichsland Elsass-Lothringen hinzu.

Dominiert wurde das Kaiserreich von Preußen bzw. den preußischen Königen. Das verwundert wenig – bedenkt man, dass damals gut 40 Mio. Menschen in Deutschland lebten, wo denen gut 25 Mio. allein im Königreich Preußen wohnhaft waren. Der erste deutsche Kaiser war Wilhelm I.. Er regierte bis zu seinem Tod im Jahr 1888. Ihm folgte Friedrich III., der nach kurzer Zeit verstarb. Dann bestieg Kaiser Wilhelm II. den Thron.

Deutschland war damals eine aufstrebende Nation. Ausgestattet mit einem starken Militär preußischer Prägung und einer zusehend wachsenden Industrie – getrieben von immer neuen wissenschaftlichen Erfolgen. Die Nachbarn des Kaiserreichs, das waren in erster Linie Frankreich und das russische Zarenreich sahen das mit zunehmender Skepsis. Zudem teilten Deutschland und Frankreich eine eh belastete Geschichte. Die gegenseitigen Ressentiments begannen bereits während der napoleonischen Kriege und ein Jahrhundert zuvor.

Es verwundert also wenig, dass Kaiser Wilhelm I. und später auch Wilhelm II. großen Wert auf die Sicherung der deutsch-französischen bzw. deutsch-russischen Grenze legten. Man fürchtete im Fall eines kriegerischen Konflikts einen Zweifrontenkrieg, was deren Bemühungen, die Grenzen mit starken Festungsanlagen zu sichern, zusätzlich beflügelte. Anfangs hatte die Sicherung der West- als auch der Ostgrenze für Deutschland eine vergleichbare Priorität. Das verschob sich während der Regentschaft Wilhelm II. Er fokussierte den Festungsbau in Elsass-Lothringen.

Der Festungsbau erfuhr in dieser Zeit übrigens auch grundlegende Veränderungen, weil er auf die sich rasant entwickelnde Artillerie reagieren musste. Sie wurde immer schlagkräftiger und effektiver, was neue Festungsbaukonzepte erzwang. Ende des Jahrhunderts entstanden sogenannte Panzerfestungen – es waren in gewisser Weise Vorläufer späterer Festungsbauten der 1940er-Jahre.

Deutsche Festungen im heutigen Polen und Russland

21 cm Turmkanone mit Panzerturm - Modell Gruson / Quelle:  Affûts cuirassés tournants, Maximilian Schumann, 1885

Festung Thorn: Hier entstand in den 1880er-Jahren der erste Prototyp einer neuen Panzerfestungen. Unter anderem wurden dort mehrere 21 cm Turmkanone mit Panzerturm (Modell Gruson) installiert. Ein etwas jüngeres Modell dieses Panzerturms kann man bei der Feste Friedrich Karl (Metz) im Original betrachten.

Quelle: Affûts cuirassés tournants, Maximilian Schumann, 1885

Bereits unter dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. wurden nahe der preußisch-russischen Grenze verschiedene Festungen errichtet: Rund um Königsberg baute man beispielsweise ab 1841 einen (ersten) Festungsring rund um die Stadt. Auch die Ringfestung Boyen ließ man errichten.

Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs mit Wilhelm I. an seiner Spitze intensivierte man die Festungsbauaktivitäten. Er ließ einerseits die just annektierten Regionen Elsass-Lothringen militärisch sichern (und hier insbesondere Straßburg und Metz). Andererseits intensivierte er nochmals die Anstrengungen, die Ostgrenze des Reiches zum russischen Zarenreich zu schützen. Drei große Festungsbauprogramme prägten diesbezüglich seine Regentschaft: Ab 1872 - Errichtung eines zweiten Festungsgürtels rund um Königsberg (der dem ersten Festungsring vorgelagert war). Militärischer Ausbau der grenznahen Stadt Thron (ab 1873) und zuletzt auch die Sicherung der Stadt Posten (ab 1877).

Diese Maßnahmen waren notwendig, weil sich das junge Kaiserreich von Frankreich und Russland zugleich bedroht fühlte. Man fürchtete einen Zweifrontenkrieg. Unabhängig davon waren die Gürtelfestungen rund um Königsberg (erster Ring) bereits „in die Jahre gekommen“. Die Festungen lagen schlicht zu nah vor den Toren der Stadt und die Artillerie hatte sich weiterentwickelt, was zu einer höheren Reichweite der Geschütze führte. Heißt: Die bisherigen Festungen (errichtet ab 1841) boten keinen ausreichenden Schutz mehr.

Die Gürtelfestung Thron nimmt bei diesem Festungsbauprogramm (aus meiner Sicht) eine Sonderstellung ein. Im Verlauf der 1880er-Jahre sind moderne Brisanzgranaten aufgekommen (siehe Entwicklung der Artillerie), deren Sprengkraft die herkömmlicher Granaten um ein Vielfaches übertraf. Darauf galt es zu reagieren. Festungsbauingenieure und Waffenproduzenten arbeiteten an einem neuen Festungstyp, der später als „die Feste“ in die Geschichte eingehen soll. Ein wesentliches Merkmal dieser Festungen war es, dass die Festungsartillerie durch Panzerung geschützt wurde. In Thorn entstand nach 1888 ein erster Prototyp solcher Panzerfestungen – nämlich die Feste König Wilhelm I. (heute Fort Jan III Sobieski). Dort wurden gleich mehrere 21-cm-Turmkanonen mit Panzerung (Modell Gruson) installiert. Sie sind noch heute vorhanden. Ein weiteres Modell dieses Turms findet man allerdings auch in der Feste Friedrich-Karl bei Metz (folge bitte dem Link).

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