Exkurs:
Festungsartillerie
und Panzertürme


Die modernen Panzertürme sind für mich
beeindrucke Einbauten der
Festungen, die gegen Ende des
19. und Anfang des 20. Jahrhunderts
errichtet wurden.

Anbei ein paar Impressionen
der Panzertürme, die ich
mit bisher ansah.


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Begriffe des Festungsbaus



Aufgaben und Bedeutung der Festungsartillerie


Wer sich etwas intensiver mit dem Festungsbau beschäftigt, kommt ziemlich schnell mit dem Thema Festungsartillerie in Kontakt. Auf dieser Seite versuche ich mich dem recht komplexen Thema etwas zu nähern – nicht wissenschaftlich, sondern so, dass es ein Normalbürger auch versteht (… wie ich eben).

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein galten Festungen lange Zeit als probates Mittel, um wichtige Verkehrsknotenpunkte oder anderweitig strategisch relevante Stellen militärisch zu sichern. Ziel dabei war es immer, die eigene Bewegungsfreiheit zu sichern und gleichzeitig die Stelle für gegnerische Truppen unpassierbar zu machen. Da die Artillerie eine hervorragende Distanzwaffe ist, spielte sie dabei von Anfang an eine wichtige Rolle. Insofern verwundert es nicht, dass sich schnell die Festungsartillerie als Zweig der Artillerie entwickelte.

Verkaufsprospekt der Rüstungsfirma Krupp von 1896

Die nachfolgende Link führt dich direkt zu einem pdf-Download eines historischen Verkaufskatalog der Firma Rüstungsfirma Krupp aus dem Jahr 1896
Teil (1) | Teil (2) | Quelle:
BvD

Die Aufgabe der Festungsartillerie war dabei fest umrissen:

(1) Beherrschung von Verkehrswege wie Schifffahrtslinie, Eisenbahnlinien, Landstraßen oder Küstenabschnitte.
(2) Bekämpfung gegnerischer Attacken mit eigenen Belagerungsgeschützen und/oder Sturmtruppenverbänden.
(3) Nahverteidigung der Gräben durch spezielle Geschütze und Abwehr feindlicher Sturmtruppen durch eigenes Feuer.


Als Festungsgeschütze wurden Waffen aller Kaliber verwendet. Anfangs reichte das von Wallbüchsen bis hin zu 32-Pfündern mit Vollkugeln. Später kamen Schnellfeuerkanonen und schwere Artilleriegeschütze zum Einsatz. Letztlich hing das immer vom Stand der jeweiligen Technik ab und selbstredend vom zur Verfügung stehenden Material. Es gibt sogar Festungsanlagen, in denen man Geschütztürme von Schlachtschiffen einbaute. Letzteres war beispielsweise in der Festung Sewastopol der Fall, wo man vier Zwillingstürme des Kalibers 30,5 installierte (Maxim Gorki I und II). Den Vogel schossen sich die schweren 345-mm-Geschütze der türkischen Festung Chemenlik in Çanakkale ab. Keine andere Festung in Europa konnte Geschütze mit einem derart mächtigen Kaliber vorweisen.

Bis in das 19. Jahrhundert hinein nutze man für die Festungsartillerie freistehende Geschütze, die jeweils von höhen Erdwällen umgeben waren, um im Fall eines Treffers das benachbarte Geschütz und die sich dort befindliche Mannschaft zu schützen. Das entsprach weitestgehend dem Stand der damaligen Waffentechnik. Die Artillerie verwendete nämlich Vorderlader und Vollkugeln. Beides zusammen hatte eine recht überschaubare Reichweite und waren hinsichtlich ihrer Treffgenauigkeit durchaus verbesserungswürdig.

Moderne Panzertürme zum Schutz der Festungsartillerie


Diese Strategie änderte sich gegen Mitte und nochmals gegen Ende des 19. Jahrhundert. Das war die Zeit der „großen Erfindungen“, was nicht nur für die industrielle Revolution, sondern insbesondere auch für die Militär- und Waffentechnik gilt.

Der erste Entwicklungsschub begann 1840: Der schwedische Industrielle Martin von Wahrendorff entwickelte nämlich ein Hinterladersystem mit (noch) glattem Lauf und es gelang ihm, dies zu Serienreife zu bringen. Nur sechs Jahre später gelang ihm auch die Produktion von Hinterladern mit gezogenem Lauf. Heißt: Die Geschosse wurden während des Abschusses durch feine Rillen im Geschützrohr in Drehung versetzt. Außerdem konnten nun sogenannte Langeschosse verwendet werden, die die einfachen Kugelgeschosse aus Metall ersetzen. Alles zusammen – also Geschütze mit Hinterladersystem (statt Vorderlader), der gezogene Lauf (statt glattem Lauf) und der Einsatz von Langgeschossen (statt einfacher Kanonenkugeln) revolutionierten die Artillerietechnik. Sie verleiten der Waffengattung eine höhere Wirkung – was nichts anderes bedeutet, als dass man von effektiver töten konnte (um es einmal auf den Punkt zu bringen).

Modell eines frühen Panzerturms auf französischer Produktion von der Firma Compagnie des forges et aciéries de la marine et d'Homécourt | Saint-Chamond
Auszug aus dem Verkaufskatalog | 1900 :
Teil (1) | Teil (2) | Quelle: BvD

Doch warum waren diese Erfindungen so bedeutend? Ganz einfach …

Die zuvor genannten technischen Neuerungen erhöhten deutlich die Treffgenauigkeit, Feuerrate und die Reichweite der Kanonen. Die Verwendung von Langgeschossen führte ferner zu einer höheren Durchschlagskraft. Sie konnten eine höhere Masse (an Explosivstoff) aufnehmen als eine mit Explosivstoff gefüllte Kanonenkugel. Die Geschütze wurden zudem auf Pivotlafetten installiert, welche die Handhabung der Kanone verbesserte und den Rückstoß auffing. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Schnellfeuergeschütze mit einer Schussfolge, die bis dato nicht vorstellbar war. Die legendäre französische „Canon de 75 mle 1897“ ist ein Beispiel dafür.

Dann – gegen Ende des 19. Jahrhunderts – gab es einen weiteren Entwicklungssprung. Plötzlich war man in der Lage, die Langgeschosse nicht mehr mit dem üblichen Schwarzpulver zu füllen, sondern mit deutlich explosiverem Material (siehe: Brisanzgranatenkrise). Die Wirkung dieser sogenannten Brisanzgranaten konnte fatal sein. Innerhalb kurzer Zeit war nun das Militär in der Lage, ganze Festungen (herkömmlicher und somit veralteter) Bauweise zusammenzuschließen (siehe: Geschichte des Festungsbaus). Die frei platzierte Festungsartillerie – und darum geht es ja eigentlich in diesem Abschnitt – war vor einem Beschuss nicht mehr sicher. Bei einem Volltreffer, der wegen der höheren Treffgenauigkeit nun auch wahrscheinlicher wurde, wäre von dem getroffenen Geschütz und den Nachbargeschützen nicht mehr viel übrig geblieben. Ganz abgesehen von den Soldaten, die diese bedienten.

Es galt, die eigene Festungsartillerie angesichts dieser Gefahr besonders zu schützen.
Auf sie verzichten konnte man auf keinen Fall.


Also begann man bereits kurz nach dem Aufkommen des Hinterladersystems – Mitte des 19. Jahrhunderts – an Ideen zu tüfteln, um die gefährdete Artillerie durch glockenähnliche Stände aus Hartguss oder Gussstahl zu schützen. In gewisser Weise profitierten die Schiffbauingenieure und die Festungsbauer gegenseitig voneinander. Denn beide hatten ähnliche Probleme. Es verwundert also wenig, dass erste Versuche von Schiffswerten mit angeschlossener Eisengießerei präsentiert wurden. Ein prominentes Beispiel: Die legendären Grusonwerke, die später Teil der Friedrich Krupp AG wurden, die sich wiederum zu der Waffenschmiede Deutschlands im beginnenden 20. Jahrhundert entwickelte.

Erster Weltkrieg: Zerstörter Bunker - Lüttich - Fort Loucin

Fort Loncin in Belgien: Selbst die mächtigen Panzerkuppeln boten bei schwerem gegnerischen Beschuss nicht immer ausreichend Schutz; die zerstörte Festung mit Doppelturm zeigt das eindrucksvoll.

Aber zurück zu den Panzertürmen: Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts begann man in Festungen erste Versuchsanlagen zu installieren. Dabei handelte es sich meist um komplett geschlossene Türme mit einer massiven Kuppel aus Hartguss oder Stahl, die auf einem Drehmechanismus aufgesetzt wurden. Darin waren die Geschütze eingebaut. Der Hartguss-Panzerturm der Grussonwerke war einer dieser ersten Anlagen, mit denen preußische Festungen versehen wurden. In Frankreich gab es übrigens ähnliche Entwicklungen und ähnliche Konstruktionen. Die Festung Villey-le-Sec verfügt über einen vergleichbaren Panzerturm aus französischer Produktion.

Hartguss hatte jedoch einige Nachteile, auf die ich hier nicht weiter eingehen will. Also begann man mit Gussstahl zu experimentieren. Nach und nach entstanden neue Modelle von Panzertürmen, die in neuen Festungsanlagen verbaut wurden bzw. mit denen man ältere Festungen modernisierte.

Die modernen Panzerkuppeln konnten dabei massive Größe erreichen und bis zu 400 Tonnen wiegen. Der von der Oberfläche aus sichtbare Teil ist dabei nur ein Bruchteil der Konstruktion. Viele dieser Türme sind nicht nur dreh- sondern zum weiteren Schutz auch versankbar. Sie wurden teils mit schwerer Artillerie ausgestattet, die bis zu 17 Kilometer weit schießen konnte.


Die Entwicklung moderner Panzertürme endete bis heute nicht. Die einzelnen Entwicklungsschritte kann man sich sehr gut ansehen, wenn man die französischen Festungen der Barrière de Fer besucht und sich anschließend die moderneren deutschen Festungen in Elsass oder Lothringen ansieht. Eigentlich reicht es schon, die Festungen rund um Metz zu besuchen. Hier findet man die Überreste früherer Waffensysteme von 1871 bis 1916.



Panzertürme französischer Festungen der Barrière de Fer

Festungsartillerei


Beispiele französischer Panzertürme, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts
produziert und in den Festungen der Barrière de Fer eingebaut wurden.




Panzertürme deutscher Festungen rund um Metz und Thionville

Festungsartillerei


Weitere Panzertürme aus ehemals
deutschen Festungen rund um Metz und Thionville.





Wissenswert.

Der Erste Weltkrieg war die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Es war ein industrieller Krieg.
Um Dir einen Eindruck zu vermitteln, habe ich einige Bilder zusammengetragen.

    • LINK: WISSENSWERTES

Zwischen 1914 und 1918 brannte die Erde. Wichtige Schlachten des Ersten Weltkriegs in Europa habe ich in einer KMZ für Google-Earth zusammengetragen. Sie hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Der Erste Weltkrieg war die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Es gibt etliche Dokumentationen über den Verlauf dieses großen Schlachtens. Diese kann ich Dir ganz besonders empfehlen.

    • LINK: FILM

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