Geschichte des Festungsbaus
im 19. und 20. Jahrhundert

Eine Festung ist ein in Friedenszeiten
ausgebauter Ort, der in Kriegszeiten
gegen einem der Zahl nach überlegenen und
mit allen Angriffsmitteln ausgerüsteten Gegner
nachhaltig verteidigt werden kann.

Meyers Konversations-Lexikon
Jahrgang 1888

Festungsbau - Abbild der Waffentechnik

Der Festungsbau war schon immer ein Abbild der Waffentechnik jeder Zeit. Früher reichten einfache Pfahlbauten, denen später Erd- und Steinwälle folgten. Im Mittelalter waren es Burgen, hinter deren Mauern man sich verschanzte, um Angreifern zu trotzen. Je höher und dicker die Mauern waren, desto sicherer galt eine Burg.

Die Erfindung des Schießpulvers im 14. Jahrhundert wirbelte die damalige Ordnung jedoch gehörig durcheinander. Wie gesagt: Bisher galten Festungen dann als besonders sicher, wenn sie hoch aufragende Mauern hatten. Dann kam 1453 allerdings der Sturm der Osmanen auf die Stadt Konstantinopel. Die Türken schossen die Stadt mit ihren Kanonen in kurzer Zeit sturmreif. Spätestens jetzt war den Militäringenieuren klar, dass sie sich komplett neu orientieren mussten:




Festungsbau bis Ende 18. Jahrhunderts:
Bastionäre Festungen galten lange Zeit als uneinnehmbar

Ursprünge bastionärer Festungen in der Renaissance und ihre Perfektionierung durch Vauban

Der Festungsbau von der Renaissance bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war vom Bastionärsystem geprägt. Entwickelt wurde es von dem italienischen Festungsbaumeister Alberti - perfektioniert von dem Franzosen Sébastien Le Prestre de Vauban.

Bis in das späten Mittelalter hinein wurde die Wehrhaftigkeit einer Burg von der Höhe der Mauern und Türme abgeleitet. Das leitete sich von den damaligen Belagerungstechniken ab. Angreifer hatten Bogenschützen und Fußsoldaten. Sie rückten gegen die Festung vor und konnten die Mauern meist nur mit Sturmleitern erklimmen. Doch bereits im 14. Jahrhundert wurde dieses Grundprinzip des Festungsbaus in Frage gestellt, weil die ersten Bombarden zum Einsatz kamen. Dabei handelt es sich um ein noch recht primitives Geschütz im Spätmittelalter, mit dem man Projektile aus Stein auf kurze Distanz verschießen konnte. Es war zwar scher, diese wuchtigen Geschütze zu transportieren, doch bei einer Belagerung waren sie eine wirkungsvolle Waffe.

Anfangs reagierten die Festungsbaumeister mit leichten Modifikationen. Die Mauern wurden niedriger (um weniger Angriffsfläche zu bieten) und es wurden breite Wälle vor ihnen angelegt, die als Geschützplattformen dienten. Es zeigte sich allerdings schnell, dass in unmittelbarer Nähe der eigenen Festung tote Winkel entstanden, die man nicht beschießen konnte. Hier sammelten sich feindliche Truppen, um Unterminierungsversuche zu unternehmen. Heißt: Hier wurden Minen mit enormer Explosionskraft platziert, die dem Wall schwere Schäden zufügen konnten.

Festungsbaumeister Leon Battista Alberti - Quelle: wikipedia, das Bild wurde als gemeinfrei gezeichnet

Leon Battista Alberti
(1404-1472)

Der italienische Festungsbaumeister Leon Battista Alberti (1404 - 1472, er lebte und wirkte während der Renaissance in Italien) war der erste, das dafür eine Lösung ersann. Sein Vorschlag war, die Festungsanlage nach einem sägezahnartigen Muster zu errichten, so dass am Ende ein sternförmiger Grundriss entsteht. Anfangs fand die Idee wenige Anhänger. Erst die Weiterentwicklung von Giuliano de Sangallo (ebenfalls ein Italiener) brachte den Impuls. Er fügte in seiner Baupläne erstmals sogenannte Bastionen ein. Dabei handelt es sich um Vorsprünge im Festungswall, von denen es möglich war, den Raum unmittelbar vor dem Wall seitlich einzusehen und zu bestreichen (heißt: zu beschießen). Diese Bastionen hatten fortan bei neuzeitlichen Festungen die gleiche Funktion wie einst die Türme mittelalterlicher Festungswerke.

Das Prinzip zur Vermeidung toter Winkel wurde variantenreich schnell von anderen Festungsbaumeistern aufgegriffen, weil es sehr effektiv war. Das Bastionärsystem moderner Festungen war geboren und es hielt sich über mehrere Jahrhunderte hinweg. Man versteht darunter ein militärisches Grundprinzip zur Vermeidung toter Winkel bzw. zur optimalen Verteidigung des Raums direkt vor dem Festungswerk und des Vorfeldes.

Quelle: Unknown, Festung Groß-Friedrichsburg, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Festung Groß-Friedrichtsburg mit deutlich sichtbaren Bastionen.
Quelle: Unknown, Festung Groß-Friedrichsburg, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Sébastien Vauban
(1633-1707)

Die Hochphase erreichte das Bastionärsystem im 17. Jahrhundert und seine Perfektionierung wird dem Festungsbaumeister Sébastien Le Prestre de Vauban (1633 - 1707) unter Ludwig XIV. zugeschrieben. Als sein Meisterstück wird heute vielfach die französische Garnisonsstadt Neuf-Brisach angesehen - eine wirklich eindrucksvolle Anlage, die noch heute gut erhalten ist.

Eigentlich müsste man davon ausgehen, dass in der Folge das Bastionärsystem fortlaufend weiterentwickelt wurde. Dem war aber nicht so, weil sich in der napoleonischen Zeit die Militärstrategien änderte. Kriege waren fortan geprägt von offenen Feldschlachten, in denen man versuchte, die gegnerische Armee zu vernichten. Festungskriege gab es kaum noch und die Belagerung einer Festung diente lediglich als Mittel, die offene Feldschlacht herbeizuführen. Folglich blieben auch Investitionen in die Weiterentwicklung der Festungsbaukunst aus. Über Jahrhunderte hinweg wurde das Bastioärsystem lediglich verfeinert.

Weitere Informationen:
- Festungen von Sébastien Le Prestre de Vauban.
- Festungen in Deutschland - aus dem Spätmittelalter und dem 18. Jahrhundert.



Beispiel einer bastionären Festungen: Impressionen von der Festung Wülzburg (erbaut zwischen 1588 und 1610)

Weitere Informationen über die Festung Wülzburg - folge dem internen Link.





Festungsbau im Verlauf des 19. Jahrhunderts:
Die Preußen entwickeln das Biehlersche Einheitsfort

Die neue Friedensordnung in Europa und seine Impulse für den Festungsbau

Anfang des 19. Jahrhunderts änderte sich die politische Situation in Europa und in Anlehnung daran auch die Strategien des Militärs: Durch den Wiener Kongress 1814/15 entstand eine neue europäische Friedensordnung. Die Großmächte wendeten sich in dessen Folge einer Defensivstrategie zu, was ein Comeback des Festungsbaus zur Folge hatte. Viele Königshäuser konzentrierten sich auf den Bau neuer Festungsanlagen, um strategisch wichtige Städte vor eventuellen Angriffen zu schützen. Heißt letztlich nichts anderes als: Man traute seinen Nachbarn nach wie vor nicht, durfte sich aufgrund der Ergebnisse des Wiener Kongresses aber nicht offen positionieren. Also sicherte man das eigene Land und die Grenzen.

Historiker sehen diese Epoche daher auch als die Hochzeit des modernen Festungsbaus an, weil in ganz Europa etliche neue Festungsanlagen, Großfestungen (wie Koblenz) oder wuchtige Festungsringe um strategisch wichtige Städte wie Köln, Antwerpen, Paris, Lüttich, entstanden. Gleichzeitig änderte sich auch die Bauweise vieler Festungen: Während die Franzosen noch an dem Bastionärsystem nach Vauban festhielten, setzten die Preußen beispielsweise auf zeitgemäßere Polygonalfestungen. Sie entwickelten einen neuen Festungstyp, den man heute als altpreußische und seine Weiterentwicklung wiederum als neupreußische Festungsbaumanier bezeichnet. Später - gegen Ende des 19. Jahrhunderts - folgte dann sogar ein gänzlich neues Konzept, Festungen zu erreichten. Man bezeichnete sie als "Feste" - dazu aber gleich mehr.


(1) Der neue Standard der Preußen - das Biehlersche Einheitsfort

Eine preußische Besonderheit war das ab 1873 eingesetzt Biehlersche Einheitsfort. Etliche Festungen dieser Zeit rund um Köln, Straßburg, Königsberg oder Ingolstadt folgten diesem standardisierten Bauschema. Sie sind daher hinsichtlich Grundriss und Aufbau sehr ähnlich.

Das Biehlersche Einheitsfort (auch Schemafort) vereinte Eigenschaften früherer Festungen und war eine kostengünstige, schnell zu errichtende und daher typisch preußische Antwort auf die Notwendigkeit, in kurzer Zeit viele Festungen errichten zu können. Alles in allem entstanden zwischen 1870 und 1890 etwa 70 solcher Festungswerke. Einige von ihnen konnte ich in Metz begutachten. Kennzeichnend für das Biehlersche Einheitsfort war, dass sie tief in das umgebende Gelände eingebettet waren.

Sie waren also deutlich flacher als herkömmliche Festungen. So reduzierte man bei einem feindlichen Beschuss deutlich die Angriffsfläche. Das war notwendig, moderne Geschütze mit gezogenem Lauf deutlich Treffgenauer waren als herkömmliche Geschütze mit glattem Lauf. Dennoch: Auch die neuen Standortforts hatten eine gewisse höhe und konnten aus der Ferne gut identifiziert werden. Unabhängig davon: Das Biehlersche Einheitsfort hatte die Form einer Lünette. Last but not least wurde die eigene Artillerie besser vor feindlichem Feuer geschützt und bei einem feindlichen Grabenübergang konnte dieser effektiver bekämpft werden.

Wenn Du mehr über die Biehlerschen Einheitsforts wissen möchtest: 2005 erschien das Buch "Fort-Biehler - ein Festungswerk zwischen Mainz, Kastel und Wiesbaden" [externer Link]. Das Buch gibt einen Einblick in die Militärarchitektur alter Zeit.

Biehlersche Einheitsfort - Standardfestung der Preußen gegen Ende des 19. Jahrhunderts

Schematischer Aufbau eines Biehler-Forts.
Kennzeichnend ist seine kompakte Bauweise, was sich angesichts moderner Artillerie-Technik als Nachteil herausstellte. Das Fort bot gegnerischen Truppen eine noch immer konzentrierte Angriffsfläche.

Festung

(2) Aus einzelnen Festungen wurden Festungssyteme

Der preußische Stil moderne Festungen zu errichten war architektonisch nicht so starr wie beispielsweise das Bastionärsystem. Man ließ sich auf die Gegebenheiten des Geländes ein. Außerdem setzte man nicht nur auf eine einzige Festung, um einen strategisch wichtigen Ort zu verteidigen, sondern verteilte mehrere kleinere Festungsanlagen - räumlich gestaffelt mit einem Abstand von circa zwei Kilometern - rund um den zu schützenden Bereich. Letzteres war eine Reaktion auf die neue Artillerietechnik.

Geschütze mit gezogenem Lauf hatten eine deutlich höhere Reichweite und ihre Treffgenauigkeit übertraf herkömmliche Geschütze mit glatten Lauf um ein Vielfaches. Also wollte man dem Gegner nicht mehr nur ein (einziges) Ziel geben, sondern mehrere Ziele, die er nicht gleichzeitig mit geballter Schlagkraft bekämpfen konnte, die ihn aber zusammen (weil sich ihre Feuerbereiche überlappten) bekämpfen konnten. Man verteilte also die Wucht des Angriffs und erhöhte seine eigene Feuerkraft.

Weitere Informationen: Brisanzgranatenkrise.


Das war die Stunde der Festungsgürtel: Typisch zu jeder Zeit war eine polygonale Umwallung der Stadt selbst (so es eine Stadt zu schützen galt) plus ein vorgelagerter Festungsgürtel - bestehend aus starken Forts und mehreren Zwischenwerken in gut vier Kilometer Entfernung zur Stadt.

Diese Art, die Verteidigungslinien um einen strategischen Ort zu staffeln, wurde allerdings nicht nur von den Deutschen angewendet. Nach Ende des Deutsch-französischen Krieges 1870/71 begannen auch die Franzosen eine neue Festungslinie zu errichten. Zuvor mussten Sie Elsass-Lothringen an das Deutsche Kaiserreich abtreten und waren somit der von ihnen dort errichteten Festungen beraubt. Die Landesverteidigung musste also neu aufgebaut werden, was die Geburtsstunde der sogenannten Barrière de Fer war - einem Festungswall, der sich entlang der neuen deutsch-französischen Grenze entlangschlängelte. Ihnen gegenüber errichteten wiederum die Deutschen fleißig neue Festungen - ihre Schwerpunkte waren die Städte Metz, Thionville und Straßburg.


Festung

Festungen




Erster Weltkrieg - Westfront - deutsche Soldaten präsentieren Artilleriegranaten | Quelle: Historische Postkarte

Mit dem Aufkommen moderner Artillerietechnik waren viele Festungen veraltet. => Brisanzkranatenkrise
Quelle: Historische Postkarte

(3) Der Festungsbau in der Krise - neue Waffen und ihre zerstörerische Wirkung

All das zuvor beschriebene stand unter dem Eindruck einer stetigen Entwicklung der Waffen- und hier insbesondere der Artillerietechnik seit Mitte des 19. Jahrhunderts.

Während sich die Festungsbaumeister fortwährend mit der Weiterentwicklung ihrer architektonischen Prinzipien befassten, tüftelten die Waffeningenieure an immer moderneren und wirkungsvolleren Feuerwaffen herum. Einen regelrechten Schock versetzte des Festungsbaumeistern eine Kombination aus neuen Artilleriegeschützen (mit gezogenem Lauf, höherer Reichweite und besser Treffergenauigkeit) und einem neuen Typ Granaten – den sogenannten Brisanzgranaten (mit deutlich höherer Sprengkraft als herkömmliche Kanonenkugeln).

Schnell war klar, dass bisherige Festungen dieser Waffentechnik nicht standhalten konnten. Man konnte sich schlicht aus recht sicherer Entfernung in Schutt und Asche schießen. Gemauerte Festungsbauten, die teilweise oberirdisch angelegt waren und deren Geschütze unter freien Himmel standen, waren fette Beute für die Artilleristen mit modernem Gerät.

Das Militär reagierte direkt, denn bisherige Militärstrategien fußten maßgeblich auf der Stärke und Wiederstandfähigkeit ihrer Festungen. Neue Festungen hatten daher einen deutlich niedrigeren Bauhorizont. Heißt: Wo einst hohe Festungsmauern aufragten, entstanden nun tiefe Gräben. Und die einst oberirdisch angelegten Gebäude (ob sie nun durch einen Erdwall geschützt waren oder nicht) wurden unter die Erde verfrachtet. Dieser Logik folgend veränderten sich auch die Baumaterialien. Steine wurden durch modernen Stahlbeton ersetzt.

Weitere Informationen:
- Artillerie gegen Ende des 19. Jahrhunderts - Brisanzgranatenkrise.

feste



Festungsbau gegen Ende des 19. Jahrhunderts:
Die Preußen entwickeln einen neuen Festungstyp - die Feste

Preußische Antwort auf die neue Waffentechnik - ein neuer Festungstyp entsteht: die Feste

Ende des 19. Jahrhunderts machte die Militärtechnik enorme Entwicklungssprünge - darauf bin ich bereits eingegangen. Es wurde schnell klar, dass herkömmlich gebaute Festungen (beispielsweise als biehlersche Einheitsforts) stark gefährdet waren. Im Fall eines Angriffs hätte man sie in kurzer Zeit in Schutt und Asche legen können. Darauf mussten die Festungsbauingenieure reagieren. Preußen nutzte diese Herausforderung, um einen gänzlich neuen Festungstyp zu entwickeln. Die erste Festung "neuen Typs" entstand westlich von Straßburg - nämlich die Feste Kaiser Wilhelm II. Dann folgten weitere Festungen dieser Art und um Metz und Thionville.

Bevor ich aber auf die Besonderheiten dieses neuen Festungstyps eingehe, möchte ich die Herkunft des seltsam anmutenden Begriffs "Feste" für eine moderne Festungsanlage des 19. Jahrhunderts erläutern: In früheren Zeiten beschrieb das altdeutsche Wort "Veste" (ab dem 16. Jahrhundert auch "Feste" geschrieben) nichts anderes als eine Burg. Es wurde der Einfachheit halber von dem Adjektiv abgeleitet - also "fest". Irgendwann verschwand der Begriff, weil man von Burgen oder Festungen sprach ... nicht von einer Feste. Ende des 19. Jahrhunderts wiederum suchten die deutschen Militärarchitekten nach einem Begriff, der die neue Bauweise der seinerzeit entstehenden Festungsanlagen beschrieb. Und da die Worte "Fort" oder "Festung" im Regelfall mit einer herkömmlichen Bauweise verbunden wurden, grub man den altdeutschen Begriff der "Feste" wieder aus. Soweit semantische Hintergründe; nun wieder zurück zum eigentlichen Thema.


Was kennzeichnet den neuen Festungstyp der Preußen?

Herkömmliche Festungen wie auch das Biehlersche Einheitsfort war zwar deutlich flacher ein eine traditionelle Bastioräsfestung, ragten aber noch immer recht hoch auf und waren dadurch weithin ein leicht erkennbar und somit auch leicht zu bekämpfendes Ziel. Es war für die angreifende Artillerie - so sie über moderne Geschütze mit gezogenem Lauf verfügte - ein leichtes, diese Festungen "auf den Punkt" zu bekämpfen. Sie waren für die Artilleristen eine praktische Zielscheibe.

Anfangs begann man daher diese inzwischen als veraltet geltenden Festungen baulich zu verstärken. Die Idee dabei war recht schlicht: Man wollte die Standhaftigkeit erhöhen, so dass direkte Treffer keinen großen Schaden anrichten konnten. Dabei setzte man auf ein Verstärken der Mauern, dem "Aufkoffern" der Kasematten und so weiter.

Schnell kamen allerdings Stimmen auf, die den Irrsinn dieser Vorgehensweise benannten. Einer von ihnen war Julius Meyer, der von 1894 folgendes sagt:

"Was nützt die Festigkeit des Betons, des Granits und schwerer Panzerung, wenn es der Besatzung, unter dem Einfluss des Luftdrucks, der Gasvergiftung, der Erschütterung, Betäubung, nicht möglich ist, die Geschütze ... zu bedienen. Hier gibt's nur einen Ausweg:

die Trennung der Kampfmittel und Unterstände, ihre Gliederung nach Front und Tiefe, die Benützung des Geländes als Deckungsmittel, wie es im Naturzustand sich vorfand, um sich der Sicht des Feindes zu entziehen. Nicht gesehen werden und doch selbst sehen, muss der leitende Gedanke bei Anlagen aller fortifikatorischen Bauten von jetzt ab sein."

Quelle: Julius Meyer - Metz durch Panzerfronten verteidigen - Frauenfeld - 1894 - Seite 40 u. 43 | Link zur Quelle: Münchener DigitalisierungsZentrum - Digitale Bibliothek


Ich kann nicht sagen, wer oder was letztlich den Ausschlag gab: Fest steht, dass die Preußen binnen weniger Jahre unter Eindruck der neuen Artillerietechnik das Konzept ihrer Festungen grundlegend veränderten. Das bis dahin präferierte Biehlersche Einheitsfort galt als veraltet. Man errichtete neue Festungen fortan unter Berücksichtigung folgender Prinzipien:

  • Aufgelöste Bauweise: Was mit einer „aufgelösten Bauweise“ gemeint ist, versteht man, wenn man sich die bisherigen Forts und Festungen ansieht. Sie wurden kompakt errichtet – heißt alle Bauten der Festungen waren auf engem Raum zusammengefasst und direkt miteinander verbunden, um sie dann mit einem Graben zum Schutz der Festung zu umgeben. Unter einer aufgelösten Bauweise wiederum versteht man, dass die einzeln Kasematten (Infanterieunterkünfte, Artilleriestellungen etc.) im Gelände verteilt wurden. Dabei nutze man die natürlichen Gegebenheiten aus, um so einen maximalen Schutz für jedes einzelne Gebäude zu erreichen. Natürlich waren die einzelnen Kasematten miteinander verbunden, dazu aber gleich mehr.

  • Ebenerdige und unterirdische Bauten: Nicht nur, dass man die einzelnen Elemente einer Festung im Gelände verteilte, sie wurden auch größtenteils unterirdisch angelegt, so dass sie nicht mehr hoch aufragten, mit dem umliegenden Gelände abschlossen und unterm Strich für die feindliche Artillerie kein weithin sichtbares Ziel mehr abgaben. Der Feind sah nur das Profil des Geländes und sollte so Probleme haben, die einzelnen Bauten gezielt anvisieren zu können. Obendrein verstärkte man „das Dach“ – die Bauten erhielten eine besonders dicke Schicht Stahlbeton als oberen Abschluss. Sollte es also doch zu einem direkten Treffer kommen, hätte diese das darunterliegende Gebäude zusätzlich geschützt. Dieser schützende Abschluss konnte bis zu zwei Metern dick sein. Dort wo das nicht der Fall war, wurden die Kasematten nachträglich „aufgekoffert“, also verstärkt.

  • (Stahl-) Beton als Baumaterial: Darüber hinaus verwendete man gegen Ende des 19. Jahrhunderts Stahlbeton zum Errichten der Kasematten einer modernen Festung. Dieser war deutlich stabiler als Bruchsteine, die gemauert wurden.

  • Panzertürme: Neben der aufgelösten Bauweise und der Verwendung von Stahlbeton als Baumaterial waren die modernen Panzertürme eine der wichtigsten Neuerungen, die bei Festungen, die nach 1890 errichtet wurden, installiert wurden. Es war unmöglich, die Artillerie weiterhin unter freiem Himmel zu positionieren. Das war einfach zu gefährlich. Also begann man die Geschütze durch Stahlkuppeln zu schützen. Diese Panzerkuppeln waren immer drehbar, manche von Ihnen auch versenkbar, was natürlich den Schutz bei feindlichem Feuer erhöhte. Siehe auch: Festungsartillerie + Panzertürme

  • Moderne Technik: Bei modernen Festungen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurden, verteilten sich die einzelnen Infanterie- und Artilleriekasematten im Gelände. Allein dieser Umstand machte eine moderne Kommunikationstechnik notwendig, um den Kontakt zwischen den einzelnen Kasematten zu halten und im Fall der Fälle den Feuerkampf zu leiten. Also verfügten diese Festungen über neue Telefonanlagen, die alles mit allem verbunden. Obendrein mussten diese Festungen über einen längeren Zeitraum autonom kämpfen können – in dieser Zeit war eine Versorgung von außen schlicht nicht möglich. Also installierte man in Ihnen Küchen, Bäckereien, medizinische Versorgung (die auch Operationen zuließen) und viele Dinge mehr. Ein eigenes Kraftwerk, um den notwendigen elektrischen Strom zu erzeugen, ist dabei selbstredend. In dem Zusammenhang empfehle ich dir das gut erhaltene Kraftwerk der Feste von der Goltz. Es liegt tief unter der Erde (entsprechende Vorsicht ist also dringend geboten) und im Herzen der Festungsanlage.

Historische Literatur zum Thema:

feste


feste


Feste Prinz Friedrich-Karl bei Metz:
Eine eindrucksvolle Verbindung mehrerer Epochen des Festungsbaus

Portrait der Feste Friedrich-Karl bei Metz

Will man in die Geschichte des Festungsbaus etwas tiefer einsteigen und sich insbesondere das alles einmal vor Ort ansehen, empfehle ich einen Besuch der deutschen Feste Friedrich-Karl bei Metz. Die eindrucksvolle Festung befindet sich westlich von Metz und gehört zum ersten Verteidigungsring rund um die Stadt. Das Besondere dieser riesigen Festungsanlage ist, dass man hier gleich mehrere Epochen des Festungsbaus studieren kann.

Teile der Feste Friedrich-Karl wurden bereits vor dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 von den Franzosen errichtet. Allem voran ist hier das Ostfort zu nennen - es entspricht dem herkömmlichen Bastionärsystem. Während des 70er-Krieges ruhten die Bautätigkeiten. Später dann - nachdem Deutschland Elsass-Lothringen annektierte - setzten die Deutschen das Bauvorhaben fort und griffen dabei auf die alten französischen Pläne zurück. Einiges beließen sie wie ursprünglich geplant, einiges fügten Sie aufgrund neuer Erkenntnisse über eine moderne Festung neu hinzu.

Die Festung Manstein ist beispielsweise ein Biehlersches Einheitsfort. Es entspricht also dem preußischen Festungsstandard, der bis 1890 beim Bau neuer Festungen präferiert wurde. Die übrigen Anlagen der Feste Friedrich-Karl entsprechen den Konzepten, die Militärarchitekten nach der Brisanzgranatenkrise entwickelten. Die einzelnen Kasematten sind über das offene Gelände der Festung verteilt und nutzen dabei die natürlichen Gegebenheiten.

Last but not least sind die drei Panzertürme zu nennen, die nachträglich in der Feste Friedrich-Karl installiert wurden. Bei dem einen Turm handelt es sich um den Gruson-Hartgussturm. In Metz wurden nur drei Exemplare dieser frühen Panzertürme verbaut - zwei in der Festung Kameke und einer in der Feste Friedrich-Karl. Er scheint aber im Lauf der Zeit beschädigt worden zu sein, weil man ihm seiner Drehfähigkeit durch einbetonieren beraubte. Der Gruson-Turm befindet sich in der Festung Manstein.

Darüber hinaus befindet sich im Herzen der Festung Friedrich-Karl eine Panzerbatterie. Sie ist etwas abseits gelegen und kann leicht übersehen werden. Hier wurden zwei modernere Türme von Gruson, die jeweils mit 21-cm-Granatwerfern (Haubitze) von Krupp bestückt waren. Unweit der Panzertürme befindet sich einer der wenigen, drehbaren Panzerbeobachter.



Schematischer Aufbau der deutschen Feste Friedrich-Karl bei Metz.

Diese riesige Festungsanlage wurde vor dem Deutsch-französischen Krieg von den Franzosen begonnen und später von den Deutschen vollende. Es ist ein schönes Beispiel verschiedener Baustile des Festungsbaus im Verlauf des 19. Jahrhunderts und ein frühes Beispiel der modernen Feste, welche die Preußen gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten.

Highlight der Feste Friedrich-Karl ist zweifelsfrei die riesige Zentralkaserne auf dem offenen Plateau der Festung. Sie entstand recht früh und wurde aus Ziegel- und Bruchsteinen gemauert.

Warnung: Bevor Du Dich nun aufmachst, um Dir die Festung selbst anzusehen, sei bitte gewarnt: Solche alten Festungen sind nur mit äußerster Vorsicht zu betreten. Es können jederzeit einzelne Werke einstürzen oder Du kannst Dich anderweitig verletzten. Sei Dir der Gefahr bewusst und sei sehr vorsichtig.

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Rundgang durch die Feste Prinz Friedrich Karl bei Metz

(inkl. Links zu den Bildergalerien)

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