Festungsbau zu Beginn und gegen Mitte des 19. Jahrhunderts:

Komplexe Festungssysteme
lösen wuchtige Einzelfestungen ab

Eine Festung ist ein in Friedenszeiten
ausgebauter Ort, der in Kriegszeiten
gegen einem der Zahl nach überlegenen und
mit allen Angriffsmitteln ausgerüsteten Gegner
nachhaltig verteidigt werden kann.

Meyers Konversations-Lexikon
Jahrgang 1888

Die Montalembert'schen Ideen:

Ende des 18. Jahrhunderts - bastionäre Festungen galten seinerzeit als das Nonplusultra beim Festungsbau. Diese Befestigungsmanier wurde Jahrhunderte zuvor in Italien entwickelt, von Niederländern verfeinert und durch Sébastien Vauban (einem Franzosen) zum Höhepunkt getrieben. Gleichwohl gab es auch Kritiker. Zu Ihnen zählte unter andere der französische Ingenieur für Waffentechnik und Festungsbau Marc-Réne de Montalembert (1714-1800). Er brachte zwei Ideen ins Spiel, die in Frankreich und anderen europäischen Ländern heftig diskutiert wurden. Im Wesentlichen schlug er zwei Neuerungen vor, die Hand in Hand zu realisieren wären:

(1) Abkehr vom traditionellen Bastionärsytem:

Die bastionäre Befestigungsmanier hat seiner Ansicht nach erhebliche Nachteile, weil der Feind bei einem Angriff relativ nah an die Festung herangelangen konnte (ja sogar musste) bis man ihn (endlich) effektiv bekämpfen konnte. Die vorgezogenen Bastionen und die Gräben zwischen ihnen könnten ihm dabei obendrein Schutz bieten. Er empfahl einen völlig neuen Grundriss, welches den im Verlauf des 19. Jahrhunderts gebauten Polygonal-Befestigungen sehr nah kommt.

Weitere Informationen:
- Polygonal-Befestigungen im 19. Jahrhundert.

(2) Errichten komplexer Festungssysteme statt einzelner Festungen:

Die zweite Idee, die Montalembert propagierte, war die Abkehr von wuchtigen Einzelfestungen. Statt dessen sollten strategisch wichtige Orte durch mehrere, einzeln stehende (also isolierte) und kleinere Forts geschützt werden - sie sollten als Polygonal-Befesitungen angelegt werden. Diese Forts sollten mit einem gewissen Abstand voneinander und zum eigentlich zu schützenden Ort positioniert werden. Jedes Fort kann ferner autonom agieren und kämpfen; es wird dabei von den benachbarten Forts geschützt. Im Fall eines Angriffes müssten die gegnerischen Truppen (um zum Kern der Festung vorzudringen) zuerst die einzelnen Forts niederkämpfen. Die Verteidigung eines strategisch wichtigen Orts wird also in Wellen gestaffelt.

Festung

Die Umsetung seiner Ideen durch Preußen und später durch alle europäischen Nationen:

Marc-Réne Montalembert war mit seinen Ideen der Zeit weit voraus. Wie gesagt: Sie wurden in Frankreich heftig diskutiert - schlussendlich aber verworfen, jedenfalls vorerst. In Preußen (Deutschland gab es so seinerzeit noch nicht) ging man damit anders um. Die Montalembert'schen Ideen wurden aufgegriffen, verfeinert und nach und nach in die Tat umgesetzt. Da naturgemäß zwischen Planung und Fertigstellung neuer Festungen immer etwas Zeit vergeht und diese wegen der enormen Kosten auch nicht "von der Stange gekauft werden", vergingen einige Jahre. Zwischenzeitig fand der Wiener Kongress 1914/15 statt, der nicht nur eine neue europäische Friedensordnung ergab, sondern auch ein "Nach-innen-Richten" der Nationen, was zu einer Blüte beim Festungsbau führte. Fast jede europäische Nation konzentrierte sich fortan auf den Auf- und Ausbau seiner Landesverteidigung.

Der Festungsring Köln: In den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts wurde begonnen, die Stadt Köln - sie stand damals unter preußischer Verwaltung - mit einem Festungsring zu umgeben. Baubeginn der ersten Forts war 1916.

Das Konzept sah eine Reihe kleinerer polygonaler Festungen vor, die mit einem gewissen Abstand zueinander und zur Stadt Köln errichtet werden sollten. Das ist eigentlich nichts anderes als Montalemberg Ende des 18. Jahrhunderts in die Diskussion eingebracht hat. Preußen griff seine Ideen auf. Und das nicht nur in Köln, sondern beispielsweise auch in Koblenz.

Die Barrière de Fer in Frankreich: Gut ein halbes Jahrhundert später schwenkte dann auch Frankreich um. Impulse waren der Deutsch-französische Krieg 1870/71, die schwere Niederlage Frankreichs und die Notwendigkeit, anschließend die Landesverteidigung komplett neu auszurichten. Man entscheid sich, eine Festungskette zwischen Verdun, Toul, Épinal und Belfort (also an der neuen Ostgrenze zu Deutschland) zu errichten. In einer zweiten Staffel sollten weitere Festungen entstehen, die zwischen Paris (als Herz der Nation) und der neuen Festungsliene (Barrière de Fer) entstehen sollten.

Zum Einsatz kamen kleine und größere Forts, die ebenfalls mit einem gewissen Abstand zueinander errichtet wurden, um sich gegenseitig decken zu können. Die zuvor genannten Städte wurden wiederum als Großfestungen ausgebaut - heißt direkt von einem Festungsring umgeben. Kurzum: Knapp ein dreiviertel Jahrhundert nach dem Tod von Montalembert wurden seine Ideen auch in seinem Heimatland umgesetzt.

Die Festungsringe um Antwerpen, Lüttich und Namur: Belgien - so wie wir es heute kennen - entstand erst 1830. Schnell wurde klar, dass man wichtige Wirtschaftsmetropolen angemessen schützen sollte. Also beauftragte die junge belgische Regierung den Bau neuer Festungsgürtel rund um die zuvor genannten Städte (siehe: Festungen in Belgien).

Neue Waffentechnik erzwang ein Umdenken: Ganz unabhängig von den zuvor geschilderten Bauprojekten in Deutschland (konkret: Preußen), Frankreich und dem jungen Belgien wurde mit Verlauf des 19. Jahrhunderts den Militärstrategen immer klarer, dass es um die Montalembert'schen Ideen, die natürlich von vielen Architekten ausgearbeitet und ergänzt wurden, keine Weg herum führte. Seit Mitte des Jahrhunderts entwickelte sich die Waffentechnik sprunghaft weiter. Das erzwang förmlich Änderungen. Bastionäre Festungssysteme galten zunehmend als veraltet und unsicher. Sie waren angesichts der "neuen Artillerie" ein leicht zu bekämpfendes Ziel. Denn es gab inzwischen Geschütze mit gezogenem Lauf (sie hatten eine deutlich größere Reichweite und waren enorm treffsicher ... das war gegen 1860) und Sprenggranaten (mit denen man herkömmliche Festungen schnell in Schutt und Asche legen konnte ... das war gegen 1880). Beides zusammen zwang die Militärarchitekten zum Überdenken bisheriger Konzepte.

Festung

Festungsbau im 19. Jahrhundert: Festungssysteme in Deutschland und Frankreich - einige Beispiele

Wie schon gesagt: Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entstanden in verschiedenen europäischen Ländern wuchtige Festungsringe, um strategisch wichtige Orte oder die Landesgrenze für damalige Zeit angemessen verteidigen zu können. Die Konzepte, die die einzelnen Länder seinerzeit verfolgten, ähnelten sich alle und gehen in gewisser Weise auf die Ende des 18. Jahrhunderts von dem französischen Festungsbaumeister Marc-Réne Montalembert zu Papier gebrachten Ideen zurück. Nachfolgende zeige ich Dir einige dieser Festungsringe - es ist eine Auswahl.

Wenn Du den jeweiligen Links folgst, findest Du weitere Informationen und auch diverse Portraits ausgewählter Festungen dieser komplexen Festungssysteme.


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