Festungsbau bis Ende des 18. Jahrhunderts:

Bastionäre Festungen und
ihre Perfektion durch Sébastien Vauban

Das Bauen starrer Festungen
zeugt von menschlicher Dummheit.
Denn wenn man Berge, Flüsse ja sogar Weltmeere
überwinden kann, wieso dann keine Festungen?

Dwight D. Eisenhower
1890 - 1969

Festungsbau: Ein Abbild der Waffentechnik jener Zeit

Kaum eine Erfindung hat die Kriegsführung mehr verändert wie die Erfindung des Schieß- bzw. Schwarzpulvers. Die Chinesen kannten es schon seit Jahrhunderten und dort gab es auch bereits Kanonen, mit denen man Steinkugeln verschießen konnte. In Europa war es bis ins 14. Jahrhundert allerdings unbekannt. Das änderte der Mönch Berthold Schwarz. Innerhalb weniger Jahre entwickelte man dann erste Kanonen (ca. 1340 in England) oder erste Handbüchsen (1350). Feuerwaffen – seien es Handfeuerwaffen oder Geschütze – eroberten in kurzer Zeit die Schlachtfelder der damaligen Zeit. Sie waren ausgesprochen effektiv, weil sie das Töten auf Distanz ermöglichten. Gleiches gilt für die ersten Kanonen: Mit ihnen konnten man beispielsweise bei der Belagerung einer Burg diese gewaltig traktieren.

Die Erfindung des Schießpulvers und auf Aufkommen erster Feuerwaffen konnte nicht spurlos am Festungsbau vorbeigehen. Bis ins das späte Mittelalter hinein wurde der Wert einer Burg von der Höhe ihrer Mauern abgeleitet. Das hing mit der Belagerungs- bzw. Angriffstechnik zusammen: Zum Erstürmen einer Festung mussten die Angreifer häufig mit Sturmleitern die Burgmauern überwinden. Eine hoch aufragende Mauer war für die Verteidigung also von Vorteil. Man konnte sie schlecht erklimmen und gleichzeitig gut verteidigen.

Genau dieser bisherige Vorteil wurde ab dem 14. Jahrhundert bzw. durch den zunehmenden Einsatz von Geschützen bei der Belagerung einer Festung plötzlich zur Schwäche.

Hohe Mauern wohlmöglich mit diversen hölzernen Aufbauten waren ein hervorragendes Ziel. Selbst mit den ungenauen Kanonen dieser Zeit war es ein leichtes, sie zu treffen und zu zerstören. Spätestens mit dem Sturm der Osmanen auf die Stadt Konstantinopel im Jahr 1453 war den Ingenieuren klar, dass sie angesichts der neuen Bedrohung etwas grundlegend ändern musste. Denn die osmanischen Belagerungstruppen verfügten seinerzeit über Kanonen, mit denen sie die Stadt in kurzer Zeit sturmreif schießen konnten. Folglich änderten sich zwei Dinge:

(1) Geschütze spielten ab dem 14. Jahrhundert nicht nur beim Angriff auf eine Festung, sondern natürlich auch bei ihrer Verteidigung eine wesentliche Rolle. Mit ihnen versuchte man Angreifer „auf Distanz zu halten“. Derjenige, der über die größere Anzahl und bessere Geschütze verfügte, hatte einen Vorteil - sei es der Angreifer oder der Verteidiger.

(2) Festungsbaumeister reagierten auf die neue Bedrohung. Anfangs investierten sie in noch mehr Baumaterial, was sich allerdings schnell als Holzweg herausstellte. Also wurden die Mauern einer Festung niedriger und breiter. Man setzte auch auf Erdwälle, weil diese bei Beschuss die Wirkung abfedern konnten. Letztlich begannen sie auf diesen Wällen ausreichend Platz für Geschütze bereitzustellen, denn sie waren inzwischen die zentrale Waffe zur Verteidigung der Festung.

x

Festungsbau: Die Entwicklung des Bastionärsystems durch Alberti und Sangallo

Der Beginn des neuzeitlichen und auf den Einsatz von Feuerwaffen ausgerichteten Festungsbaus in Europa kann nicht an einem Ort oder einem bestimmten Zeitpunkt festgemacht werden. Über gut 150 Jahre hinweg gab es eine Vielzahl von Neuerungen, die man probierte, verwarf und neu kombinierte. In gewisser Weise war es eine Zeit der Orientierung, an deren Ende sich erste Prinzipien entwickelten, die die ersten Grundlagen kommender „Festungsbaukunst“ waren.

So wurde beispielsweise relativ schnell das sogenannte Rondell entwickelt. Dabei handelt es sich um einen flachen Turm, in dessen inneren und auf dessen Kuppe Geschütze platziert wurden. Problematisch war jedoch, dass man von ihnen aus das Schlachtfeld nicht komplett überblicken und Angreifer bekämpfen konnte. Es gab sogenannte tote Winkel, die die Angreifer wiederum nutzen, um Mineure zum Einsatz zu bringen, die Sprengladungen am Mauerwerk anbrachten und dieses damit zu Fall brachten.

Diese Erkenntnisse nutzend begannen die Festungsbaumeister mit Modifikationen. Einer von ihnen war der Italiener Leon Battista Alberti (1404-1472). Er war der Ansicht, dass man Festungen mit einem sägezahnartigen Muster errichten sollte, so dass am Ende ein sternförmiger Grundriss entsteht. Seine Ideen fangen anfangs wenig Anhänger. Erst ihre Weiterentwicklung durch Giuliano da Sangallo (wie unschwer zu erkennen: ebenfalls ein Italiener, 1443-1516) brachten anerkannte Impulse. Er fügte Ansätzen Alberti’s sogenannte Bastionen hinzu. Also pfeilförmige Mauervorsprünge, auf denen man ebenfalls Geschütze platzieren konnte und von denen man die bisherigen toten Winkel einsehen und somit verteidigen konnte. Diese Erfindung gab dem damaligen Festungsbau eine Richtung, die über Jahrhunderte hinweg weiter ausgefeilt wurde. Es entstand das sogenannte Bastionärsystem.


Quelle: Unknown, Festung Groß-Friedrichsburg, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Festung Groß-Friedrichtsburg mit deutlich sichtbaren Bastionen.
Quelle: Unknown, Festung Groß-Friedrichsburg, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons



Weitere Informationen:

Das Münchener Digitalisierungszentrum verfügt über das Buch Traité des Fortification (von Joseph Sauveur, 1653-1716), in dem das Bastionärssystem sehr anschaulich präsentiert wird.

Festungsbau: Was ist das Bastionärsystem?

"Unter Bastionärsystem ist ein fortifikatorisches Grundprinzip zu verstehen, das auf der optimalen Bestreichung der Festungswerke und des Vorfeldes durch die systematische Anordnung von Bastionen beruht. Es wurde erstmals in Italien mit der sogenannten altitalienischen Manier des 16. Jahrhunderts verwirklicht und prägte anschließend den Festungsbau bis in das 19. Jahrhundert." Quelle: wikipedia.



Festungsbau: Perfektion des Bastionärsystems durch Vauban

Ausgehend von diesen Erkenntnissen wandelte sich der Festungsbau in den nächsten Jahrhunderten maßgeblich. Anfangs nur langsam – immerhin werden neue Festungen nicht alle Tage errichtet. Doch nach und nach setzten sich neue Prinzipien durch und führten schließlich im 17. Jahrhundert zu einer Hochzeit des „modernen Festungswesens“. Das war die Zeit von Sébastien Le Prestre Vauban (1633-1707), der heute vielfach als der Festungsbaumeister des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. bezeichnet wird. Vauban griff die eben erwähnten Prinzipien, die unter anderem von italienischen Festungsbaumeistern ausgetüftelt wurden, auf und entwickelte sie maßgeblich weiter.

Sébastien Vauban - in Deutschland ist er für viele Menschen eher ein unbekannter Baumeister, obwohl ihm die Befestigungen von Saarlouis und Luxemburg zu verdanken sind. In Frankreich wiederum gilt er als der berühmteste aller Militärbaumeister. Er hat aus der Sicht viele Franzosen eigene Kapitel der Militärgeschichte des Landes verdient, der sich vom einfachen Soldaten zu dem Festungsbaumeister des Sonnenkönigs Ludwig XIV. mauserte. Selbst noch im Ersten Weltkrieg wurden von ihm errichtete Festungen wirkungsvoll eingesetzt wie das Beispiel von Longwy zeigt. In dem Zusammenhang empfehle ich Dir eine spannende Dokumentation über Vauban bei Youtube.

Sébastien Le Prestre de Vauban wurde am 15. Mai 1633 geboren. Er stammte aus einer Familie mit bescheidenen Mitteln, die dem Kleinadel angehörte. 1651 wurde er Kadett im Regiment von Ludwig II. der sich gegen den französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. auflehnte. Vaubans machte sich schnell einen Namen. Er hatte einen ausgesprochen guten Blick für die Stärken oder Schwächen einer Festung. Anfangs kam das Ludwig II. zu gute. Dann geriet Vauban in Gefangenschaft der Regierungstruppen von Ludwig XIV. und wechselte nach einem Gefängnisaufenthalt die Seite. Er diente fortan dem Sonnenkönig, der ebenfalls schnell auf seine besonderen Talente aufmerksam wurde. 1665 holte er ihn als „Ingenieur des Königs“ in den Offizierskorps. Er gehörte somit zu einem Truppenteil, der neben der festgelegten Militärhierarchie stand.

Festungsbaumeister Sébastien Vauban

Festungsbaumeister Sébastien Vauban

Angetan von seinem Können setzte Ludwig XIV. Vauban zunehmen en, um Festungsanlagen zu modernisieren. Jahre später wurde er sogar zum „Generalkommissar der Befestigungen“ befördert und reiste fortan im Namen des Königs und des Kriegsministers durch Land, um sich um seine zahlreichen Bauprojekte zu kümmern. In dieser Zeit entwarf er seine Festungen, die noch Jahrhunderte später als Vorbild anderer Baumeister dienten. Sein Entwurf für die Befestigung von Landau in Bayern wird manchmal als sein größtes Werk angesehen (1687).

Zwischendurch wurde er aber auch immer wieder an die Front beordert, um beispielsweise 1684 die Belagerung von Luxemburg zu leiten. Später übertrug im Ludwig XIV. den Modernisierung der eben dieser Festung.

Er starb am 30. März 1707 in Paris.

Festungen

Das Werk von Sébastien Vauban

Metz: Historische Karte der Stadt mit Bastionärsystem von Vauban

Die Zitadelle von Metz
in Lothringen - Frankreich

Im Laufe seiner 50 Jahre erreichte Vauban die sogenannte „Ringmauer des französischen Königshauses“, nämlich einen mächtigen Festungsgürtel um ganz Frankreich – zum Schutz der Krone. Besonders stark wurde dabei die Nor- und Ostgrenze des Landes gesichert. Alles in allem hat Vauban – der schon zu Lebzeiten mit dem Ehrentitel „Ingénieur de France“ belegt wurde – dreiunddreißig neue Festungen geplant und unzählige Festungsanlagen modernisiert. Eines seiner Meisterwerke ist die Garnisonsstadt Neuf-Brisach nahe der deutsch-französischen Grenze (siehe historische Karte der Stadt) oder die zu einer Festung ausgebauten Alpenstadt Briançon.

Vauban’s Festungen gelten noch heute als Wegweiser der Festungsarchitektur des 17. Jahrhunderts. Und er selbst gilt als der bedeutendste Militärarchitekt der Barockzeit. Seine Ideen beeinflussten Baumeister auf der ganzen Welt (siehe dazu JacobBogle.com | StarForts around the world). Seine Gedanken wurden sogar noch Ende des 19. Jahrhunderts aufgegriffen, was man eindrucksvoll an einigen Festungen rund um die französische Stadt Metz sehen kann (siehe: Fort Plappeville oder Fort Saint-Julien). Doch Vauban war nicht nur Architekt, sondern als auch als brillanter Belagerungsingenieur. Eigentlich klar. Wenn sich jemand auf der Erreichten wirkungsvoller Festungsanlagen versteht, sieht er bei anderen Werken natürlich auch schnell deren Schwachstellen. Einige Historiker sind heute sogar der Ansicht, dass Vauban’s Ruhm als Belagerer sogar noch den des Festungsbaumeisters übersteigt.



Beispiel einer bastionären Festungen: Impressionen von der Festung Wülzburg (erbaut zwischen 1588 und 1610)

Weitere Informationen über die Festung Wülzburg - folge dem internen Link.

www.festungen.info ist eine private Homepage und verfolgt keine kommerziellen Zwecke. Dennoch verwendet die Website Cookies, um Ihnen das beste Surf-Erlebnis zu ermöglichen und eine Reichweitenmessung durchzuführen. Weitere Informationen erhalten Sie in der Datenschutzerklärung.