Festungskrise statt Festungskrieg:

Brisanzgranatenkrise: Entwicklung der Artillerie
seit Mitte des 19. Jahrhunderts

Nichts hat sich in den
letzten 500 Jahren geändert.
Nur die Waffen sind tödlicher geworden.

Graffito

Artillerie und Festungskampf bis Ende des 18. Jahrhunderts

Seit man in der Kriegsführung auf Festungen setzt, denken Angreifende darüber nach wie sie diese effektiv bekämpfen können. Anfangs rannten sie mit Pfeil und Bogen bewaffnet gegen die Burgmauern an und nutzten Steigleitern, um die Wälle zu überwinden. Die Erfindung des Schießpulvers veränderte ihre Möglichkeiten. Schnell gab es Kanonen, mit denen man die Festungsanlagen beschoss, um eine Bresche in ihre Mauern zu schlagen. Diese Vorgehensweise hat sich letztlich bis ins beginnende 20. Jahrhundert nicht verändert. Einzig die Wirkung der Geschütze änderte sich, was wiederum erheblichen Einfluss auf den Festungsbau hatte - in gewisser Weise ein Kreislauf. Je effektiver die Artillerie war, desto intensiver mussten die Festungen durch bauliche Maßnahmen geschützt werden. Festungsbauingenieure reagierten darauf, indem sie die Profile der Festungen reduzierten (um feindlicher Artillerie weniger Angriffsfläche zu bieten) und die Wände deutlich verstärkten (damit sie bei einem Treffer dennoch ausreichend Schutz boten).

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts und insbesondere gegen Ende des Jahrhunderts kamen dann jedoch verschiedene Neuerungen auf, die erheblichen Einfluss auf den Festungsbau hatten und wiederholt die Militärs zwangen, bisherige Konzepte grundlegend zu überdenken. Das führte zu neuen Festungstypen. Man begann Gürtelfestungen zu errichten, die dem eigentlich zu schützenden Ziel vorgelagert waren und einen Ring um dieses bildeten. Wollte man das Ziel angreifen, musste man zuerst die Festungen davor niederkämpfen, die allerdings so positioniert wurden, dass sie sich mit ihrer Artillerie gegenseitig schützen konnten. Doch die Artillerietechnik entwickelte sich abermals weiter, was dazu führte, dass bisherige Festungen auf einen Schlag nutzlos waren. Diese Entwicklungen will ich hier kurz zusammenfassen:

(1) Neue Geschütze mit gezogenem Lauf, höherer Reichweite und Treffgenauigkeit

Martin von Wahrendorff

Quelle: Unknown author, Friherre Martin von Wahrendorff, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Artillerie deutlich weiter. All dies begann mit einer Erfindung des schwedischen Industriellen Martin von Wahrendorff in den 1840er-Jahren. Bisher mussten Kanonen immer von vorn geladen werden, was nicht nur umständlich, sondern im Gefecht aus viel zu langsam war. Von Wahrendorff entwickelte ein Hinterladersystem – vorerst für Kanonen mit glattem Lauf, was seinerzeit ebenfalls Stand der Entwicklung war. Die Folge: Die Artilleristen konnten die Geschütze deutlich schneller nachladen als zuvor. Die Schussrate erhöhte sich massiv.

Ebenfalls in den 1840er-Jahren folgte dann seine zweite Entwicklung. Inspiriert vom Erfolg der Hinterlader entwickelte er ein System für gezogene Rohre. Diese Geschütze hatten also im Inneren des Laufs spiralförmige Rillen, die dem Projektil beim Schuss einen Drall verleiht und so ihre Flugbahn stabilisiert. Die Folge: Geschütze mit gezogenem Lauf hatten eine höhere Treffergenauigkeit und zugleich eine höhere Reichweite. Last but not least änderten sich auch die Geschosse. Bisher verschoss man einfache Stahlkugeln. Sie hatten eine recht ungenaue Flugbahn, richteten zwar nennenswerten Schaden beim Einschlag an, waren aber nicht mit der Wirkung von Langgeschossen, die man mit Schwarzpulver füllte vergleichbar.

Allein das hatte in den folgenden Jahren erheblichen Einfluss auf den Festungsbau. Was für die Schlachtfelder dieser Zeit im Allgemeinen galt, galt insbesondere auch für den Festungskrieg. Gürtelfestungen, die in dieser Zeit gebaut wurden, platzierte man mit geringem Abstand vor dem eigentlich zu schützenden Ziel. Hinterladersysteme mit gezogenem Lauf konnten diese Distanz überwinden und konnten obendrein durch die höhere Treffgenauigkeit deutlich effektiver zum Einsatz gebracht werden.

(2) Neue Geschütztypen erhöhen die Möglichkeiten beim Festungskrieg

Lange Zeit kannte man auf den Schlachtfeldern nur zwei Arten von Geschützen: Es gab Kanonen und Mörser. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam die Haubitzen hinzu und erhöhten die Möglichkeiten zur Bekämpfung einer Festung enorm. Hier die grundlegenden Unterschiede dieser drei Geschütztypen:

Kanonen sind Geschütze, welches letztlich von fast allen Waffengattungen eingesetzt wird. Es sind Flachfeuergeschütze, mit denen man einen direkten Schuss auf das anvisierte Ziel setzt. Damit unterscheiden sie sich grundlegend von den Steilfeuergeschützen wir Haubitzen oder insbesondere Mörsern. Das Projektil folgt dabei einer gestreckten, parabelförmigen Flugbahn, die über die Visierlinie zuerst ansteigt und dann wieder abfällt. Der Einsatz von Kanonen setzt voraus, dass man sein Ziel sehen und anvisieren kann. Der Mörser ist ein sog. Steilfeuergeschütz mit kurzem Rohr. In Deutschland bezeichnet man sie häufig auch als Minen- oder Granatwerfer. Der Vorteil des Steilfeuers ist, hinter Deckungen liegende Ziele treffen zu können. So kann man die häufig schwächer geschützten Stellen einer Festung oder eines Unterstandes treffen. Obendrein kann man Mörser selbst aus einer Deckung heraus abfeuern, die bei einem Flachfeuergeschütz die Flugbahn des Geschosses behindern würde. Mörser wurden also häufig gegen Festungen eingesetzt. Das gilt insbesondere für den deutschen 21-cm-Mörser von 1910 – produziert von den Essenern Krupp-Werken.

Haubitzen sind Geschütze, die in den unteren Winkelgruppen (wie eine Kanone) oder in den oberen Winkelgruppen (wie ein Mörser) schießen konnten. Das besondere beim Mörser ist, dass sie mit „getrennten Ladungen“ feuern – also der Treibladung und der eigentlichen Granate. Die Schussweiter und Durchschlagskraft der Granate kann dabei durch stärkere Treibladungen erhöht werden. Deswegen wurden sie häufig auch bei der Bekämpfung von Festungen oder Bunkern eingesetzt. Setzte man einen Mörser in den oberen Winkelgruppen ein (wobei man das anvisierte Ziel nicht sehen kann) bedarf es des Einsatzes vorgelagerter Beobachter, die das Feuer lenken.

(3) Erfindung der Sprenggranate

Quelle: Festpostkarte - Erster Weltkrieg

Quelle: Festpostkarte - Erster Weltkrieg

In den 1880er-Jahren gab es einen weiteren Entwicklungsschub, der alle festungsbauenden Nationen vor große Probleme stellte. Die wichtigste Verbesserung der Artillerie dieser Zeit war nämlich die Entwicklung einer hochexplosiven Granate.

Dabei handelt es sich um ein gewöhnliches torpedoförmiges, gusseisernes Geschoss, welches allerdings nicht mehr mit Schwarzpulver, sondern mit hochexplosiven Sprengstoffen wie Melinit oder TNT gefüllt war. Diese Geschosse waren in der Lage, das Mauerwerk herkömmlicher Festungen mit großer Wirkung zu durchdringen.

Diese Erfindung kann man nicht einer Person zuschreiben, weil damals verschiedene Nationen in diese Richtung entwickelten: Die Briten arbeiteten an Granaten, bei denen Lyditte anstelle von Melinit verwendet wurde und die Deutschen arbeiteten zeitlich mit anderen Hochexplosivstoffen.

Tatsache ist: Bald verfügten alle europäischen Armeen über diese Granaten. 1886 führten die Franzosen beispielsweise Experimente durch und beschossen Fort Malmaison mit solchen Granaten. Die Wirkung war verheerend. Es war klar, dass Festungen herkömmlicher Bauart veraltet waren und einem solchen Beschuss nicht lange widerstehen konnten. Das galt quasi für alle Festungen der damaligen Zeit – egal, ob sie schon etwas „in die Jahre gekommen waren“ oder gerade erst errichtet wurden.

(4) Billiger Stahl beflügelt die Produktion
Verkaufsprospekt der Rüstungsfirma Krupp von 1896

Die nachfolgenden Links führt dich zu dem historischen Verkaufskatalog der Friedrich Krupp AG aus dem Jahr 1896.

Externer Link | PDF-Download:
Teil (1) | Teil (2) | Quelle:
BvD

In Europa gab es viele Unternehmen, die sich mit der Waffenproduktion befassten und gutes Geld damit verdienten. Das deutsche Vorzeigeunternehmen in dem Segment war das von Friedrich Kupp - gegründet bereits Anfang des 19. Jahrhunderts.

Getrieben von den Möglichkeiten der industriellen Revolution konnte mit der Zeit hochwertiger Stahl viel billiger als bisher produziert werden. Folglich: Es gab inzwischen deutlich verbesserte Geschütztypen, die nun auch schneller und günstiger produziert werden konnten. Klar, dass das die Überlegungen des Militärs - in Europa vor allem die der preußischen Generäle - beflügelt. Friedrich Kupp wurde zum Haus- und Hoflieferant für moderne Waffentechnik. Eine Verkaufsunterlage aus dem Jahr 1896 zeigt die Breite seine Produktpalette. Und alle europäischen Länder zählten schließlich zu seinen Kunden - nicht nur die Preußen. Friedrich Kupp stattete sie alle aus, Freund, Feind.

Natürlich hatte Friedrich Kupp auch Wettbewerber. Insbesondere französische Hersteller hatten sich hier einen guten Namen gemacht. Allem voran ist hier die Frima Compagnie des forges et aciéries de la marine et d'Homécourt | Saint-Chamond zu nennen. Sie entwickelte Panzertürme und vielfältige Geschütze. Im Verlauf der Geschichte werden wir von ihr abermals hören, denn sie produzierte im Ersten Weltkrieg einen der von Frankreich eingesetzten Panzer.

Ich fasse kurz zusammen ...
Denkschrift aus dem Erste Weltkrieg - historisch Akten

Denkschrift über die Ergebnisse der Beschiessung der Festungen Lüttich, Namur, Antwerpen und Maubeuge.
Externer Link zur Quelle.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts gab es verschiedene Innovationen, die Festungen "unter Druck setzten", ihr Bekämpfen erleichterten und die Festungsbaumeister zu Veränderungen zwangen. Die Art und Weise neue Festungen zu errichten, wurde dadurch aber nicht revolutioniert. Das war nicht notwendig, weil bisherige Prinzipien angepasst aber nicht grundlegend verändert werden mussten. Mit dem Aufkommen der Sprenz- oder Brisanzgranaten ab 1890 änderte sich das komplett. Der Einsatz dieser neuartigen Granaten mit extremer Zerstörungskraft konnte eine Festung herkömmlicher Bauweise schnell in Schutt und Asche legen. Schnell war klar, dass keine Festung einem solchen Beschuss lange standhalten wird. Für die Militärs war das ein regelrechter Schock - alle zuvor unternommenen Anstrengungen im Festungsbau waren obsolet. Festungen herkömmlicher Bauweise erfüllten nicht mehr ihren Zweck.

Der Beweis dafür wurde spätestens zu Beginn des Ersten Weltkriegs angetreten und zwar in Belgien, wo die Deutschen innerhalt kurzer Zeit mit großkalibrigen Geschützen (meist Haubitzen) die Festungsanlagen rund um Lüttich und Namur regelrecht zusammenschossen. Es gibt sogar ein recht spannendes historisches Dokument dazu, welches die Erfahrungen der Deutschen bei der Einnahme der Stadt zusammenfasst. Es befindet sich heute in einem russischen Archiv.


Weitere Informationen:

- Dokumentation: Der Erste Weltkrieg 1914 - 1918.
- Wissenswert: Entwicklung der Artillerie im Ersten Weltkrieg.
- Hintergrund: Geschichte des Festungsbau bis zum Ersten Weltkrieg.
- Entwicklung: Festungsartillerie gegen Ende des 19. Jahrhunderts.


Historische Informationsquellen:

- Lesenswert: Panzerforts und Panzerfronten aus der Zeitschrift Stahl und Eisen.
- Hintergrund: Metz durch Panzerfronten verteidigen.
- Hintergrund: Angriff und Verteidigung von Panzer-Befestigungen.

Wissenswertes über Panzerfortifikationen
verschiedener Länder gegen Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg

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