Einleitung

Die Geschichte des deutschen Festungsbaus im 19. Jahrhundert in wenigen Worten zu erzählen ist meiner Ansicht nach ein Ding der Unmöglichkeit. Sie wird maßgeblich von den politischen Umständen jener Zeit beeinflusst: Festungen dienen der Landesverteidigung bzw. dem Schutz strategisch wichtiger Plätze.

Die Entscheidung zum Bau neuer Festungen wurde also davon geleitet, wen man als Freund und wen als potenziellen Feind ansaht. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts gab es diesbezüglich aus deutscher Sicht durchaus einigen Wandel, welches die Festungsbauprogramme deutlich zum Ausdruck bringen. Welche Art von Festung wiederum errichtet wird, hängt maßgeblich von dem Stand der Waffentechnik ab - insbesondere der Entwicklung der Artillerie.

In diesem Abschnitt möchte ich Dir einen ersten Einblick in die politischen Entwicklungen jener Zeit geben. Deutschland - so wie wir es heute kennen - gab es damals noch nicht. Es bestand aus einer Vielzahl kleiner und weniger große Staaten. Besonderes Augenmerk lege ich dabei auf Preußen, welches seine Vormachtstellung nach der Niederlage gegen Napoleon Bonaparte im Verlauf des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum immer mehr ausbauen konnte, was schließlich in die Proklamation des Deutschen Kaiserreichs mündete.

Weitere Informationen:

(1) 19. Jahrhundert: Deutschland auf dem Weg zum Nationalstart.
(2) 19. Jahrhundert: Entwicklung der Artillerie.

Drei Phasen des deutschen Festungsbaus im Verlauf des 19. Jahrhunderts

Soweit also eine knackige Zusammenfassung der politischen Ereignisse des späten 18. und insbesondere des 19. Jahrhunderts, welches hier im Fokus steht. Festungen jener Zeit waren wichtige Eckpfeiler der Landesverteidigung. Mit ihnen schützte man strategisch wichtige Orte (wobei es sich dabei um Städte oder Verkehrsverbindungen handeln konnte). Anhand ihrer Standorte kann man heute also gut ablesen, wie die Bedrohungslage zur Zeit ihres Baus erlebt wurde. Betrachtet man unter diesem Aspekt wiederum den deutschen Festungsbau im Verlauf des 19. Jahrhunderts, kann man meiner Ansicht nach drei Phasen voneinander abgrenzen:

Deutscher Festungsbau zwischen dem Wiener Kongress 1815 bis zur Reichsgründung 1871


Diese Phase wird im Wesentlichen durch zwei zentrale Dinge geprägt - politischer Natur sowie die Art und Weise wie man moderne Festungen errichtete:

Friedrich Wilhelm III.
Preußischer König
1797–1840

Zur Politik:

Die napoleonische Zeit war beendet und die Fürstenhäuser zeichneten im Rahmen des Wiener Kongresses 1815 die Landkarte Europas neu. Preußen ging gestärkt hervor und es wurde der Deutsche Bund unter dem Vorsitz Österreichs gegründet. Zentraler Gedanke damals war unter anderem, den Expansionsdrang Frankreichs dauerhaft starke Nachbarn entgegenzustellen, die wiederum ihre Grenzen zu den Franzosen mittels neu zu erbauender Festungen absicherten. Im heutigen Belgien entstand seinerzeit die Wellington-Barriere, der Deutsche Bund errichtete Bundesfestungen wie Ulm, Mainz oder Landau und Preußen sicherte seinen Teil nahe der französischen Grenze mit neuen Festungen rund um Köln und Koblenz.

Friedrich Wilhelm IV.
Preußischer König
1840–1858

Zum Festungsbau:

In Deutschland standen große Umbrüche im Festungsbau an. Bereits unter dem preußischen König Friedrich II. entwickelte Ingenieure die "altpreußische Festungsbaumanier".

Zwischenzeitlich wurden neue Konzepte zum Bau moderner Festungen entwickelt, die man in Deutschland aufgriff und verfeinerte. Es entstand ein völlig neuer Festungstyp, der als "neupreußischer Festungsbau" oder (weil das Konzepte auch der Deutschen Bund übernahm) auch als "neudeutscher Festungsbau" bezeichnet. Im Wesen handelte es sich um moderne Polygonal-Befestigungen, die man als eigenständige Werke kreisförmig um den zu schützenden Ort herum platzierte. Der Abstand der Festungen untereinander bzw. zum zu schützenden Ort bestimmte die Schussweite der Artillerie. Beispiele der Festungen findet man bei Köln.

Deutscher Festungsbau unter Kaiser Wilhelm I. zwischen der Reichsgründung und seinem Tod (1888)


Das Jahrzehnt vor der Reichsgründung war bewegt und von vielen Kriegen geprägt. Ihre Folge war, dass Preußen (endlich) den Machtanspruch Österreichs im heutigen Deutschland brechen konnte und sich Preußen als auch Österreich durch die Expansionswünsche des russischen Zaren in Osteuropa bedroht fühlten. Dieses gepaart mit der weiterhin vorhandenen Rivalität Preußens und Frankreichs bestimmte die Festungsbauprogramme jener Zeit:

Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen: König von Preußen zwischen 1861-1888 sowie Deutscher Kaiser zwischen 1871-1888

Grenze zu Frankreich:

Der Dt.-franz. Krieg war beendet und das Kaiserreich annektierte die Elsass/Lothringen. Unmittelbar danach gab Kaiser Wilhelm I. die Order, die Städte Metz und Straßburg militärisch zu sichern. Rund um Straßburg errichtete man daraufhin einen völlig neuen Festungsring, wobei man auf die Baupläne zurückgriff, in in den Jahren zuvor zum preußischen Standard wurden: Polygonal-Befestigungen, die man kreisförmig um die Stadt herum errichtete und zu einer Gürtelfestung zusammenfasste. Vergleichbar war es in Metz; hier gab es jedoch den glücklichen Umstand, dass die Franzosen bereits 1870 mit dem Bau neuer Festungen begannen, diese Vorhaben wegen des Krieges nicht vollenden konnten, so dass die Deutschen jetzt auf Basis französischer Baupläne deren Vorhaben im eigenen Sinne vollendete.

Grenze zu Russland:

Wie bereits erwähnt - Preußen fühlte sich in jeder Zeit von russischen Zarenreich bedroht und sicherte auch strategisch wichtige Orte nahe der damaligen deutsch-russischen Grenze. So wurden beispielsweise rund um Königsberg, Thorn und Posen neue Gürtelfestungen errichtet, um die Russen im Fall eines Angriffs aufhalten zu können. Auch hier setzte man auf Polygonal-Festigungen - allerdings versehen mit einigen Neuerungen. Inzwischen hatte sich nämlich die Artillerie weiterentwickelt. Ihr standen nun moderner Hinterlader mit gezogenem Lauf zur Verfügung, was dazu führte, dass man zum Ende dieser Phase erste Konzepte entwickelte, die unter Kaiser Wilhelm II. zu den neuen Panzerfestungen ausgearbeitet wurden.

Deutscher Festungsbau unter Kaiser Wilhelm II. zwischen 1888 bis zum Ersten Weltkrieg


Unter Kaiser Wilhelm II. veränderte sich der deutsche Festungsbau maßgeblich. Das umfasst einerseits den geografischen Fokus als auch die Art und Weise, neue Festungen zu errichten:

Kaiser Wilhelm II.
letzter Deutscher Kaiser zwischen 1888-1918

Zur Geografie:

Während unter Wilhelm I. die Sicherung der deutsch-russischen Grenze im Fokus war, verschob sich dies unter Wilhelm II.. Er ließ die Festungsbauprogramme auslaufen und keine neuen Werke mehr errichten, obwohl diese bereits als veraltet galten. Inzwischen sind nämlich moderne Brisanzgranaten aufgekommen, deren Sprengkraft enorm war und mit denen herkömmlich errichtete Festungen arg in Bedrängnis bringen konnte. Kaiser Wilhelm II. ließ die Festungen rund um Königsberg, Thorn oder Posen zwar modernisieren, aber ließ keine weiteren Werke bauen. Sein Fokus verschob sich gen Westen, indem er die einst französischen Städte Metz, Straßburg und nun auch Thionville weiter ausbauen ließ - mit modernen Panzerfestungen, die Anfang der 1890er-Jahre von deutschen Ingenieure entwickelt wurden.

Panzerfestungen:

Wie gesagt - der Festungsbau musste auf die neuen Bedrohung durch Brisanz-/Sprenggranaten reagieren. Der erste Prototyp einer neuen Panzerfestung wurde bereits unter Kaiser Wilhelm I. bei Thron errichtet. Unter seinem Nachfolger arbeitete man die Konzepte aus, was in die "Feste Kaiser Wilhelm II." bei Mutzig (Straßburg) mündete. Sie gilt heute als erste Panzerfestung des Deutschen Kaiserreichs. Anschließend weitere man die Verteidigungsanlagen rund um Metz und Thionville ebenfalls mit neuen Panzerfestungen.

Feste Friedrich Karl bei Metz

Feste Friedrich Karl bei Metz

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