Geschichte des Festungsbaus:

Panzerfestungen:
Wettlauf zwischen der Artillerie
und des Festungsbaus
im 19. Jahrhundert

Als Panzerfestung bezeichnet man einen neuen Festungstyp, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde. Impuls dafür war die immer stärker gewordene Artillerie und die enorme Zerstörungskraft neuer Sprenggranaten, die in den 1880er-Jahren entwickelt wurden.

Beides machte es notwendig, die Festungsartillerie, die den Fernkampf zu führen hatte und die Hauptbewaffnung der Festungswerke darstellte, besonders zu schützen. Man entwickelte neue Panzertürme aus Stahl. Darüber hinaus wurden bauliche Veränderungen vorgenommen, indem man das Profil neuer Festungen versuchte so niedrig wie möglich zu halten. Armierter Beton wurde als Baumaterial zum Standard und man setzte (seinerzeit) moderne Kommunikationstechnik ein.

Der Wettlauf zwischen Artillerie und dem Festungsbau im 19. Jahrhundert

Moderne Geschosse - Quelle: Brockhaus Konversations-Lexikon 14. Auflage (1892-1920)

Quelle: Brockhaus Konversations-Lexikon 14. Auflage (1892-1920)

Über Jahrhunderte hinweg wurde der Festungsbau von Sébastien Vauban geprägt, obwohl dieser bereits 1707 verstarb. Er stand für die bastionäre Befesitungmanier, die zwar weiterentwickelt wurde, aber im Grundsatz unverändert blieb. Das änderte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Festungsbauingenieure griffen neue Konzepte auf, die zwar schon längere Zeit bekannt waren, aber nie umgesetzt wurden.

Nun setzte man auf sogenannte Polygonal-Befestigungen, wobei man einzelne Werke wie einen Ring um den zu schützenden Ort herum errichtete, so dass eine Gürtelfestung entstand - bestehend aus vielen kleineren, eigenständigen Werken. Die Deutschen waren diesbezüglich besonders gründlich: Sie entwickelten nicht nur einen neuen Festungstyp, welcher sich kostengünstig und schnell errichten ließ (siehe: Biehlersche Standardfort), sondern waren in dieser Zeit auch intensiv damit befasst, sowohl ihre Westgrenze zu Frankreich (Festungsring Köln und Koblenz) als auch ihre Grenze im Osten zum russischen Zarenreich (Festungsring Königsberg, Thorn, Posen) militärisch zu sichern. Der Festungsartillerie kam dabei (nicht nur bei den Preußen) eine zunehmende Bedeutung zu. Sie war schon seinerzeit die Hauptbewaffnung einer Festung - trotz ihrer damals noch geringen Reichweite und Treffgenauigkeit.

Mitte des Jahrhunderts machte die Artillerie dann bedeutende Sprünge. Aufbauend auf den neuen Möglichkeiten, die die industrielle Revolution mit sich brachte, entwickelte man zuerst Hinterladersysteme mit gezogenem Lauf, was die Reichweite, Schussfolge und Treffgenauigkeit der Geschütze enorm erhöhte. In den 1880er-Jahren gab es dann den entscheidenden Entwicklungssprung, der den Festungsbau in der Folge grundlegend veränderte. Man erfand moderne Sprenggranaten.

Das waren torpedo-ähnliche Geschosse, die man mit Explosivmaterial füllte. Und sie hatten eine bis dahin nicht gekannte Zerstörungskraft. Schnell wurde allen festungsbauenden Nationen klar, dass all ihre bisherigen Werke veraltet waren, um sie einem Beschuss mit den neuen Sprenggranaten nicht länge hätten standhalten können. Das galt insbesondere für die wichtige Festungsartillerie, die man bis dahin unter freiem Himmel positionierte. Sie war fortan besonders gefährdet - während sie bereits mit Einführung neuer Hinterladersysteme eine immer größere Bedeutung zur Verteidigung einer Festung und zum Führen des Fernkampfs (der nun durch die deutlich höhere Reichweite neuer Geschütztypen auch dem entsprach, was das Wort ausdrückt).

Entwicklung erster Panzerfestungen

Quelle gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France - Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle

Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France - Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle

Wie bereits gesagt: Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein waren Polygonal-Befestigungen der Standard dieser Zeit. Die Preußen perfektionierten Planung und Bau solcher Festungen, indem sie auf das Biehlersche Standartfort setzten. Eine Blaupause zum Bau neuer Festungen von Hans Alexis Biehler. Viele dieser Forte kann man heute noch bei Straßburg oder Köln besuchen. Natürlich gab es auch in Frankreich oder dem jungen Belgien ähnliche Standards. Solche Festungen kennzeichnet, dass man sie aus Ziegel- oder Bruchsteinen errichtete, sie ein flaches aber gegenüber späteren Festungen noch immer hoch aufragendes Profil hatten, innerhalb der Festung auf kleiner Fläche Versorgungseinrichtungen und Unterkünfte der Soldaten zusammengefasst waren und die Artillerie unter freiem Himmel positioniert wurde. Zum Schutz der Festung war diese umgeben von einem nassen oder trockenen Graben, in dem man Verteidigungsanlagen für den Nahkampf installierte.

Mit dem Aufkommen moderner Sprenggranaten war quasi jedes Merkmal bisheriger Polygonal-Befestigungen ein Schwachpunkt. Festungsbauingenieure verwendeten viel Zeit, um darauf zu reagieren. Anfangs begann man damit, die Kasematten einer Festung mit einer dicken Schicht Erde zu bedecken, welche die Wucht der Explosion mindern sollte. Dann begann man, diese zuerst mit einer zusätzlichen Schicht Beton zu verstärken und dann erst mit Erde zu bedecken. Das verfolgte denselben Zweck - beides war aber keine wirklich Lösung. Dann begann man die Baupläne neuer Festungen anzupassen (siehe: Panzerfestungen verschiedener Länder - Baupläne im Vergleich).

Zu Beginn der 1890er-Jahre entstanden dann im damaligen Deutschen Kaiserreich erste Panzerfestungen. Er erster Prototyp wurde 1880-1892 bei Thorn (heute Polen) errichtet. Es war die Festung König Wilhelm I.. Es folgte ab 1893 das eigentliche Musterbeispiel des neuen Festungstyps (den man inzwischen "Feste" nannte): Feste Kaiser Wilhelm II.. Dann ging es Schlag auf Schlag: Rund um Metz errichtete das Kaiserreich zur und nach der Jahrhundertwende etliche weitere Panzerfestungen (Feste Kaiserin, Feste Wagner, Feste Kronprinz, etc.). Natürlich änderten beispielsweise auch die Franzosen die Baupläne ihrer Festungen - sie gingen aus heutiger Sicht allerdings nicht so konsequent vor die die Deutschen (siehe: Französische Panzerfestungen der Barrière de Fer).

Zentrale Neuerungen, die beispielsweise deutsche Panzerfestungen kennzeichnen, sind:
(siehe auch: Merkmale deutscher Panzerfestungen)

(1) Aufgelöste Bauweise - man trennte also Funktionsbereiche in eigene Werke
(2) Einsatz von Panzertürmen zum Schutz der Festungsartillerie
(3) Verwendung von Stahlbeton als Baumaterial
(4) Verringerung des Profils der Festungen
(5) Einsatz moderner Kommunikationstechnik

Entwicklung erster Panzertürme

Quelle: Capt. John Ericsson, Traverse hull section through Turret of USS Monitor, Format, Farbigkeit, Hintergrund, CC0 1.0

Quelle: Capt. John Ericsson, Traverse hull section through Turret of USS Monitor, Format, Farbigkeit, Hintergrund, CC0 1.0

Die Artillerie galt inzwischen als Hauptbewaffnung einer Festung. Bis dato stand sie allerdings unter freiem Himmel und war angesichts neuer Geschütztypen und Brisanzgranaten besonders gefährdet. Deswegen trieb ein Problem die Ingenieure besonders um: Wie konnte man die Festungsartillerie effektiv schützen, ohne dabei ihre Wirkung einzuschränken?

Die Lösung fand man bei der Marine. Das Panzerschiff USS Monitor wurde im Amerikanischen Bürgerkrieg eingesetzt und hatte erstmals einen drehbaren Geschützturm aus Schmiedeeisen. Man kam also zum Ergebnis, dass man diese auch im Festungsbau einsetzen könnte.

Die ersten Panzerfestungen, die meiner Ansicht nach diesen Namen auch tatsächlich verdienen, errichtete der belgische Militäringenieur General Henri Bialmont. Sie entstanden in Rumänien zum Schutz von Bukarest. Im Russisch-Türkischen Krieg 1878 schloss sich das Fürstentum Rumänien den Russen an und gewann nach seinem Ende seine Unabhängigkeit. Carol I. wurde erster König des neuen Königreichs Rumänien und wollte seine Hauptstadt Bukarest durch einen neuen Festungsgürtel schützen.

Diesen zu errichten wurde wiederum Bialmont übertragen. Dieser hatte bereits Erfahrungen mit ersten Geschütztürmen, die er in Festungen rund um Antwerpen einbauen ließ. Und er hatte eine Vorliebe für schwere Geschütze.

Quelle: Source gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France >> École d'Application de l'Artillerie et du Génie - Cours de Fortification - Cuirassements (Croquis), 5 Lecons par le Capitaine Tricau

Plan des deutschen Panzerturms beim Testschießen in Bukarest

Quelle: Source gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France >> École d'Application de l'Artillerie et du Génie - Cours de Fortification - Cuirassements (Croquis), 5 Lecons par le Capitaine Tricaudt; Verlag: Lithographie de l'École d'application de l'artillerie et du génie, 1909

Als denkbare Lieferanten der benötigten Geschütztürme sprach man in Deutschland die Firma Gruson an (sie wurde später vom Essener Krupp-Konzern geschluckt, der im Ersten Weltkrieg der wichtigste Rüstungsgüterproduzent des Kaiserreichs war) und in Frankreich wählte man die Firma St. Chamond aus, die wiederum über Geschütztürme verfügte, die von Major Henri Mougin entwickelt wurden (nach ihm wurden später auch verschiedene Modelle französischer Panzertürme benannt). Zielsetzung war, die verschiedenen Panzertürme einem Test zu unterziehen – heißt, sie beschießen zu lassen, um ihre Widerstandsfähigkeit zu testen. Die Wahl fiel auf die Gruson-Panzertürme. Sie wurden mit 150-mm-Krupp-Kanonen bestückt. Man bezog allerdings auch kleinere Panzertürme von den Franzosen.

General Brialmont errichtete in den Folgejahren und um Bukarest einen Ring etlicher gepanzerter Festungen. Es waren Polygonal-Befestigungen und die größten von ihnen stattete er mit 150-mm-Kanonen, 210-mm-Haubitzen sowie weiteren 53-mm-Geschützen aus. Ende der 1880er-Jahre wurde der Festungsring fertiggestellt.

Natürlich blieben bei dem eingangs erwähnten Wettrennen zwischen Artilleristen und Festungsbauingenieuren auch das französische und deutsche Militär nicht untätig. Die Deutschen waren dabei – anfangs getrieben von Kaiser Wilhelm I. und nach seinem Tod von Wilhelm II. – besonders gründlich. Während die Franzosen die Baupläne neuer Festungen der Barrière de Fer (einem Festungssystem, welches Sie nach dem Deutsch-französischen Krieg 1870/71 zu errichten begannen) lediglich anpassten, entwickelten deutsche Ingenieure einen gänzlich neuen Festungstyp: Die Feste – eine Panzerfestung, die Merkmale hat, die man später sogar bei der Maginot-Linie wiederfindet.

Entwicklung moderner Panzerfortifikationen - Historische Literatur zum Thema

Wissenswertes über Panzerfortifikationen
verschiedener Länder gegen Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg

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