Neupreußische Festungsbaumaniser

Quelle: Wilhelm Reinhardt 1917 - 2006

Quelle: Wilhelm Reinhardt 1917 - 2006
Aufnahme einer Festung bei Thorn. *)

Anfang des 19. Jahrhunderts veränderte sich der preußische Festungsbau grundlegend, indem man die Ideen des französischen Ingenieurs Marc-Réne de Montalembert (1714 - 1800) aufgriff und ausarbeitete. Er beschrieb in seinen Schriften das Konzept moderner Polygonal-Befestigungen, die als detachierte Werke kreisförmig um den zu schützenden Ort positioniert werden. Beides waren für die damalige Zeit große Neuerungen, wenngleich man erste Ansätze dieses Konzepts den Festungsbauplänen, die unter dem preußischen König Friedrich II. realisiert wurden, entnehmen kann.

Montalembert selbst konnte seine Konzepte seinerzeit nicht in die Tat umsetzen, weil sie in seinem Heimatland Frankreich abgelehnt wurden.

Polygonal-Befestigungen

Eine der augenfälligsten Neuerung einer Polygonal-Befestungen gegenüber bastionären Festung betrifft den Grundriss: Sie haben die Form eines Vielecks - auf Bastionen oder ähnliche Dinge wurde verzichtet, wobei man sagen kann, das der Grundriss einer solchen Festung dem einer einzelnen Bastion durchaus ähnelt. Preußische Polygonal-Festungen hatten in der Regel die Form eine Lünette mit je zwei Front- und zwei Flankenmauern - umgeben von einem tiefen, trockenen Graben, der von Grabenstreichen gesichert wurde. Eine weitere Änderung betraf das Profil der Festung. Die Ingenieure versuchten das Profil der Festung möglichst flach zu halten, damit sich diese einem direkten Beschuss feindlicher Artillerie entziehen kann. Die Außenmaße solcher Forts betrugen im Regelfall 320 Meter x 190 Meter und sie waren häufig mit gut fünfzehn Geschützen unterschiedlicher Kaliber (von 8 bis 15 cm) bewaffnet.

Diese Festungen konnten bis zu 900 Soldaten aufnehmen. Ihre Unter- künfte befanden sich überwiegend auf der Kehr- also der Rückseite des Forts (auch Kehlseite genannt). Sie lagen link und rechts vom Zugang zum Fort, der wiederum mit einer Zugbrücke und Schießscharten gesichert wurde. Die Mauern des Forts waren zwischen einem und drei Meter dick - man verwendete meist Ziegelsteine.

Biehlersche Einheitsfort -
Standardfestung der Preußen gegen Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts

Grütelfestungen

Eine Polygonal-Befestigung hatte nur einen geringen Wert zum Schutz eines strategisch wichtiges Platzes. Insofern griffen die deutschen Ingenieure auch eine zweite Idee Montalembers auf, indem man einen Ring einzeln stehender (isolierter, detachierter) Forts um den zu schützenden Ort herum errichtete (siehe: Gürtelfestungen).

Diese einzelnen Forts sollten mit einem gewissen Abstand zueinander gebaut werden, damit sich sich gegenseitig mittels ihrer Festungsartillerie schützen konnten. Und jedes Fort sollte wiederum einen gewissen - durch die Reichweite gegnerischer Artillerie definierten - Abstand zum eigentlich zu schützenden Ort entfernt stehen. Die Fort selbst waren autonom und konnten im Fall eines Angriffs mehrere Tage selbständig agieren - sie mussten nicht von außen versorgt werden, jedenfalls nicht fortlaufend. Diese Konzept führt dazu, dass im Fall eines Angriffs die gegnerischen Truppen nicht gegen eine einzelne Festung anrennen mussten, sondern sich vielmehr einer Vielzahl einzelner, sich gegenseitig schützender Forts gegenübersahen, die sie einzeln niederringen mussten.

Schaut man sich heute die Pläne verschiedener Gürtelfestungen an, fällt auf, dass sie häufig aus mehreren Festungsringen rund um die schutzbedürftige Stadt bestehen. Das liegt daran, dass sich im Verlauf des Jahrhunderts die Artillerie deutlich weiterentwickelte. Anfangs reichte ein Festungsgürtel nur wenige hundert Meter vor den Toren der Stadt aus, weil die Geschütze (Vorderlader mit glattem Rohr) nur eine geringe Reichweite hatten. Mit Einführung modernerer Geschütze (Hinterlader mit gezogenem Lauf) änderte sich das, so dass der Gegner problemlos die nahe der Stadt befindlichen Festungen hätte umgehen können. Also begann man, viele weiter vor der Stadt einen zweiten Festungsring zu errichten.

Wie zuvor ausgeführt: Die Ursprünge der von den Preußen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgegriffenen Konzepte stammen u.a. von Marc-Réne Montalembert. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts avancierten sie zum Standard des preußischen Festungsbaus und der des Deutschen Bundes. Deswegen spricht man in der Literatur gelegentlich von der neupreußischen, aber auch von der neudeutschen Befestigungsmanier. Selbst das junge Kaiserreich unter Wilhelm I. setzte auf Gürtelfestungen, die aus einzelnen Polygonal-Befestigungen bestanden.

Entwicklung
des deutschen Festungsbaus

Entwicklung
deutscher Panzerfestungen

Dokumentation
deutscher Festungen


*) Ein herzliches Dankeschön an Rudolf Reinhardt; er stellte mir dieses Bild des Forts Heinrich von Plauen bei Thorn aus dem Nachlass seines Vaters zur Verfügung. Eine große Bereicherung für meine Homepage.

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